Vortrag: Feministische Kritik am Queerfeminismus

July 8th, 2023 by annaruhtra

Die Planung der Vortragstour “Feministische Kritik am Queerfeminismus” startet! Schreibt gerne eine Mail an annaruhtra@riseup.net, falls ihr Interesse habt!

Aufruf: Bei dem Vortrag “Feministische Kritik am Queerfeminismus” soll hergeleitet werden, warum der Queerfeminismus weder für Frauen noch für Queers eine vollständige Analyse und Lösung liefert. Dafür soll zunächst eine grobe Übersicht gegeben werden, welche femininistischen Diskurse und Strömungen aktuell von Bedeutung sind. Danach wird die Theorie des Queerfeminismus beleuchtet und zeitgleich die dortigen Mängel aufgedeckt. Abschließend soll eine antikapitalistische Analyse vollzogen werden, um mit einer Perspektive abzuschließen, wie wir uns als Queers und Frauen zusammenschließen können, um einen emanzipatorischen und feministischen Kampf zu gestalten. Der Vortrag bedient sich teilweise an marxistischer Theorie, ist aber auch ohne derartige Grundlagen und Überzeugungen verständlich. Ziel des Vortrags ist, die Vereinfachungen und Kürzungen des Queerfeminismus’ aufzudecken, ihn zu hinterfragen, um einen feministischen Theoriediskurs neu aufzurollen. Dabei wird die These vertreten und argumentiert, dass es für eine echte Befreiung von unterdrückten Geschlechtern einen anderen Feminismus braucht. Weder Queerfeminismus, noch TERF-Ideologie nutzen unserem Kampf gegen das Patriarchat. Die Devise lautet: Her mit einem feministischen Antikapitalismus! Warum? Und wie? Lasst es uns gemeinsam herausfinden und diskutieren.

Vereinfachtes Glossar für Begriffe des Marxismus und anknüpfender Politik

June 7th, 2023 by annaruhtra

Akkumulation: Akkumulation bezieht sich auf den Prozess der Anhäufung von Kapital im Kapitalismus. Es bezeichnet die fortschreitende Ansammlung von Profiten und Kapital durch Kapitalist:innen, indem sie einen Teil des Mehrwerts, den sie aus der Ausbeutung der Arbeitskraft gewinnen, wieder investieren. Marx argumentierte, dass die Akkumulation von Kapital zur Konzentration und Zentralisierung von Reichtum führt und die Ungleichheit zwischen den Klassen verstärkt.

Arbeit: Arbeit bezieht sich auf die menschliche Tätigkeit, die darauf abzielt, materielle oder immaterielle Güter zu produzieren oder Dienstleistungen zu erbringen. Im marxistischen Kontext betrachtet Marx die Arbeit als grundlegende Quelle des Werts und des Reichtums in einer Gesellschaft. Arbeit ist nicht nur eine physische Anstrengung, sondern umfasst auch intellektuelle und kreative Tätigkeiten. Marx unterscheidet zwischen konkreter Arbeit, die spezifische Produkte hervorbringt, und abstrakter Arbeit, die als allgemeine gesellschaftliche Arbeitseinheit gemessen und mit anderen Arbeiten verglichen werden kann. Im Kapitalismus argumentierte Marx, dass die Arbeitenden, die Arbeiter:innenklasse, oft unter den Bedingungen der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft stehen, da sie einen Mehrwert erzeugen, der dem Kapitalist:innen zugutekommt. Marx strebte eine befreite Gesellschaft an, in der die Arbeit nicht mehr als bloßes Mittel zur Bereicherung anderer dient, sondern als eine Quelle der Selbstentfaltung und der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.

Abstrakte Arbeit: Abstrakte Arbeit bezieht sich auf die Art von Arbeit, die im kapitalistischen Produktionsprozess ausgeführt wird und in Form von Waren auf dem Markt gehandelt wird. Sie wird gemessen und verglichen durch die aufgewendete durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit, unabhängig von den spezifischen Fähigkeiten oder Eigenschaften des einzelnen Arbeitenden. Marx argumentierte, dass der Wert einer Ware durch die in sie eingeflossene abstrakte Arbeit bestimmt wird.

Private vs. gesellschaftliche Arbeit: Private Arbeit bezieht sich auf die individuelle Arbeit eines Einzelnen, während gesellschaftliche Arbeit die gesamte Arbeit bezeichnet, die in einer Gesellschaft geleistet wird. Im Kapitalismus werden die individuellen Arbeiten der Arbeiter:innen zu gesellschaftlicher Arbeit, da sie in den Produktionsprozess eingebunden sind und zur gesellschaftlichen Wertschöpfung beitragen. Marx betonte die soziale Dimension der Arbeit und argumentierte, dass im Kapitalismus private Arbeit in der Produktion zu gesellschaftlicher Arbeit wird, die dem Kapitalist:innen zugutekommt.

Arbeitskraft: Die Arbeitskraft bezieht sich auf die Fähigkeit der Menschen, Arbeit zu leisten. Im Kapitalismus wird die Arbeitskraft als Ware betrachtet und kann vom Kapitalist:innen gegen einen Lohn gekauft werden. Die Arbeitskraft ist die Quelle des Mehrwerts, da sie in der Produktion eingesetzt wird, um Waren zu produzieren und Wert zu schaffen.

[Atypische Beschäftigte]: Atypische Beschäftigte bezieht sich auf Arbeitnehmer:innen, deren Beschäftigungsverhältnisse von den traditionellen Normen abweichen. Dazu gehören Teilzeitbeschäftigte, befristet Beschäftigte, Leiharbeiter:innen, Crowdworker und andere Formen prekärer Arbeit. Im marxistischen Rahmen werden atypische Beschäftigte als besonders anfällig für Ausbeutung betrachtet, da ihre Arbeitsbedingungen oft unsicher sind, sie niedrigere Löhne erhalten und weniger soziale Absicherung haben. Atypische Beschäftigung wird oft als Ergebnis von flexiblen Arbeitsmarktmechanismen und der Suche nach Profitmaximierung seitens der Kapitalist:innen betrachtet.

Ausbeutung: Ausbeutung bezieht sich auf die ungleiche Verteilung des Mehrwerts zwischen Kapitalist:innen und Arbeiter:innen. Marx argumentierte, dass die Kapitalist:innen die Arbeitskraft der Arbeiter:innen ausbeuten, indem sie einen Teil des Mehrwerts als Profit aneignen.

Basis: In der marxistischen Theorie bezieht sich der Begriff “Basis” auf die materiellen Produktionsverhältnisse einer Gesellschaft, einschließlich der Eigentumsverhältnisse und der Art und Weise, wie die Produktion organisiert ist. Die Basis umfasst die ökonomische Struktur einer Gesellschaft, die die Grundlage für die sozialen, politischen und ideologischen Verhältnisse bildet. Marx argumentierte, dass die Basis die treibende Kraft für gesellschaftliche Veränderungen ist und dass Veränderungen in der Basis auch Veränderungen im Überbau (ideologische und politische Sphäre) nach sich ziehen.

Bourgeoisie: Die Bourgeoisie bezieht sich auf die herrschende Klasse im Kapitalismus, die das Eigentum an den Produktionsmitteln (Fabriken, Land, Maschinen usw.) besitzt und die Arbeiter:innenklasse ausbeutet. Marx argumentierte, dass die Bourgeoisie ein Interesse daran hat, den Kapitalismus aufrechtzuerhalten, um ihre eigene Macht und Privilegien zu sichern.

Dialektischer Materialismus: Der dialektische Materialismus ist eine philosophische Strömung, die auf Marx und Engels’ materialistischer Geschichtsauffassung basiert. Der dialektische Materialismus betrachtet die Welt als von materiellen Bedingungen und Klassenkämpfen geprägt und betont die Bedeutung von Widersprüchen, Veränderung und Entwicklung. Er basiert auf der dialektischen Methode, die von Hegel entwickelt wurde, und integriert sie in eine materialistische Perspektive. Der dialektische Materialismus betont die Wechselwirkung zwischen den Produktionsverhältnissen und den gesellschaftlichen Kräften sowie die Rolle des Klassenkampfes bei der gesellschaftlichen Veränderung.

Diktatur des Proletariats: Die Diktatur des Proletariats bezieht sich auf die Phase in der marxistischen Theorie, in der das Proletariat, die arbeitende Klasse, die politische Macht erlangt und die Kontrolle über die Produktionsmittel übernimmt. Marx und Engels sahen die Diktatur des Proletariats als notwendige Übergangsphase auf dem Weg zum Kommunismus, in der die Ausbeutung beseitigt und die Klassenunterschiede aufgehoben werden sollten. Sie betonten, dass diese Diktatur keine Diktatur im repressiven Sinne sein sollte, sondern vielmehr eine demokratische Herrschaft der Mehrheit über die Ausbeuterklasse.

Entfremdung: Entfremdung bezieht sich auf den Zustand der Entfremdung oder Entfernung des Menschen von seiner eigenen Arbeit, seinen Produkten, seiner Menschlichkeit und anderen Menschen. Marx argumentierte, dass im Kapitalismus die Arbeitenden aufgrund der Eigentumsverhältnisse und der Ausbeutung entfremdet sind. Die Arbeit wird zu einem Mittel, um den Lebensunterhalt zu verdienen, anstatt eine Quelle der Selbstverwirklichung zu sein, und die Produkte der Arbeit gehören dem Kapitalist:innen. Die Entfremdung führt zu einem Gefühl der Fremdheit, Isolation und Unzufriedenheit bei den Arbeitenden.

Falsches Bewusstsein: Falsches Bewusstsein bezieht sich auf die Vorstellungen, Überzeugungen oder Ideologien, die von den herrschenden Klassen oder Institutionen in einer Gesellschaft verbreitet werden und die Interessen der herrschenden Klasse unterstützen. Falsches Bewusstsein führt dazu, dass die Arbeitenden ihre eigene Unterdrückung nicht erkennen oder dass sie ihre Klasseninteressen nicht verstehen. Marx betonte die Notwendigkeit, falsches Bewusstsein durch Klassenbewusstsein zu überwinden, damit das Proletariat den Klassenkampf erfolgreich führen kann.

Fetischisierung: Fetischisierung bezieht sich auf den Prozess, bei dem abstrakte soziale Beziehungen und Phänomene in der kapitalistischen Gesellschaft in scheinbar natürliche, unveränderliche und übermenschliche Formen umgewandelt werden. Marx verwendete den Begriff “Fetisch” metaphorisch, um darauf hinzuweisen, dass im Kapitalismus bestimmte Waren, Geld und der Marktwert an sich eine übermäßige Bedeutung und Anziehungskraft bekommen. Die Fetischisierung führt dazu, dass diese abstrakten Objekte oder Phänomene eine mystifizierte und übernatürliche Qualität erhalten, während die eigentlichen sozialen Beziehungen und Produktionsverhältnisse, die ihnen zugrunde liegen, verdeckt werden. Marx betonte, dass die Fetischisierung im Kapitalismus dazu beiträgt, dass Menschen den eigentlichen Ursprung und die soziale Konstruktion von Werten, Beziehungen und Ungleichheiten nicht erkennen und die Kapitallogik als unveränderlich und unumstößlich akzeptieren.

Feuerbach-Thesen: Die Feuerbach-Thesen beziehen sich auf eine Reihe von Thesen, die von Marx im Jahr 1845 verfasst wurden und sich mit dem philosophischen Erbe Ludwig Feuerbachs auseinandersetzten. In diesen Thesen argumentiert Marx, dass die Philosophie bisher die Welt interpretiert hat, es aber nun darum gehen sollte, die Welt zu verändern. Marx kritisiert Feuerbach dafür, dass er das materielle Fundament der menschlichen Existenz, die gesellschaftlichen Verhältnisse und den Klassenkampf, vernachlässigt habe. Die Feuerbach-Thesen markieren eine wichtige Wende im Denken von Marx hin zum dialektischen Materialismus und legen den Grundstein für seine kritische Theorie.

Gebrauchswert: Der Gebrauchswert bezieht sich auf den Nutzen oder die Nützlichkeit einer Ware. Jede Ware hat einen Gebrauchswert, da sie Bedürfnisse befriedigen oder einen bestimmten Zweck erfüllen kann.

[Hegemonie]: Hegemonie bezieht sich auf die Vorherrschaft oder Führungsposition einer sozialen oder politischen Gruppe über andere Gruppen in einer Gesellschaft. Der marxistische Theoretiker Antonio Gramsci entwickelte den Begriff der kulturellen Hegemonie, um die Vorherrschaft der herrschenden Klasse in einer Gesellschaft zu erklären. Hegemonie geht über bloße physische Unterdrückung hinaus und beinhaltet die Fähigkeit, die Ideen, Werte und Normen der herrschenden Klasse als allgemein akzeptiert zu etablieren. Gramsci argumentierte, dass die Arbeitenden und Unterdrückten eine alternative kulturelle Hegemonie aufbauen müssen, um sozialen Wandel zu bewirken.

Historischer Materialismus: Der historische Materialismus ist eine zentrale Methode des Marxismus, die die gesellschaftliche Entwicklung durch die Analyse der materiellen Bedingungen und Verhältnisse betrachtet. Er betont den Einfluss der ökonomischen Strukturen, der Produktionsverhältnisse und der Klassenkämpfe auf die Geschichte und erklärt gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche durch den Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen.

Ideologie: Ideologie bezieht sich auf die Gesamtheit der Ideen, Überzeugungen, Werte und Vorstellungen, die eine bestimmte soziale Gruppe oder Klasse prägen. Im Marxismus wird Ideologie als das Bewusstsein und die Weltanschauung betrachtet, die von der herrschenden Klasse geschaffen und gefördert wird, um ihre eigenen Interessen zu legitimieren und die Unterdrückung der Arbeiter:innenklasse aufrechtzuerhalten. Marx argumentierte, dass die herrschende Ideologie den wahren Charakter der kapitalistischen Verhältnisse verschleiert und das Bewusstsein der Arbeitenden beeinflusst.

Imperialismus: Der Imperialismus bezieht sich auf die politische, ökonomische und militärische Expansion von kapitalistischen Staaten über ihre eigenen Grenzen hinaus. Marxist:innen sehen den Imperialismus als Ergebnis der Konzentration von Kapital und der Suche nach neuen Märkten und Ressourcen zur Profitmaximierung. Der Imperialismus führt zu einer stärkeren Ausbeutung der arbeitenden Klassen in den kolonialisierten Ländern und zu imperialistischen Kriegen um die Vorherrschaft auf globaler Ebene.

Kapital: Kapital bezieht sich auf den Vermögenswert, der in der Produktion eingesetzt wird, um Mehrwert zu erzeugen. Es kann in Form von Geldkapital (Geld), Warenkapital (Rohstoffe, Maschinen usw.) oder Produktionskapital (fertige Waren) existieren. Marx unterschied zwischen konstantem Kapital (Kapital, das in Produktionsmittel investiert wird) und variables Kapital (Kapital, das für die Lohnzahlungen an Arbeiter:innen verwendet wird).

Klasse: Im Marxismus bezieht sich der Begriff “Klasse” auf eine soziale Gruppe, die durch ihre Stellung in den Produktionsverhältnissen definiert wird. Marx unterschied im Kapitalismus hauptsächlich zwischen zwei Klassen: dem Proletariat (Arbeiter:innenklasse) und der Bourgeoisie (besitzende Klasse). Das Proletariat besitzt nur seine Arbeitskraft und ist gezwungen, diese an die Bourgeoisie zu verkaufen, während die Bourgeoisie die Produktionsmittel besitzt und von der Ausbeutung der Arbeitenden profitiert. Die Klassenstellung bestimmt das Verhältnis zur Produktion, das Klassenbewusstsein und die Interessen der jeweiligen Klasse. Marx sah den Klassenkampf als treibende Kraft des historischen Wandels, bei dem das Proletariat gegen die Bourgeoisie kämpft, um die kapitalistischen Verhältnisse zu überwinden.

Klassenanalyse: Die Klassenanalyse bezieht sich auf die Untersuchung und Klassifizierung von Gesellschaften anhand ihrer sozialen Klassen. Im Marxismus ist die Klassenanalyse ein zentrales Instrument, um die Struktur und Dynamik einer Gesellschaft zu verstehen. Sie betrachtet die ökonomische Stellung der Menschen in Bezug auf die Produktionsmittel und analysiert die Interessen und Konflikte zwischen den verschiedenen Klassen.

Klassenbewegung: Die Klassenbewegung bezieht sich auf die organisierte kollektive Aktivität der Arbeiter:innenklasse zur Durchsetzung ihrer Interessen und zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie kann sich in Form von Gewerkschaften, politischen Parteien oder sozialen Bewegungen manifestieren und zielt darauf ab, die Rechte und Bedingungen der Arbeitenden zu verbessern und letztendlich den Kapitalismus zu überwinden.

Klassenbewusstsein: Das Klassenbewusstsein bezieht sich auf das Bewusstsein der Arbeiter:innenklasse über ihre gemeinsamen Interessen und ihre Position im Klassenkampf. Marx betonte die Notwendigkeit, dass das Proletariat ein Klassenbewusstsein entwickeln muss, um sich gegen die Ausbeutung und Unterdrückung durch die Bourgeoisie zur Wehr zu setzen.

Klassenkampf: Der Begriff “Klassenkampf” bezieht sich auf den sozialen und politischen Konflikt zwischen den verschiedenen Klassen in einer Gesellschaft, insbesondere im kapitalistischen System. Marx prägte den Begriff und argumentierte, dass der Klassenkampf ein inhärenter Bestandteil des Kapitalismus ist. Er betrachtete die kapitalistische Gesellschaft als geteilt in zwei Hauptklassen: das Proletariat (die arbeitende Klasse, die keine eigenen Produktionsmittel besitzt) und die Bourgeoisie (die besitzende Klasse, die die Produktionsmittel kontrolliert). Marx sah den Klassenkampf als Konflikt um die Verteilung von Ressourcen und den Zugang zu politischer Macht. Er argumentierte, dass die Bourgeoisie bestrebt ist, ihre Profite zu maximieren, während das Proletariat nach besseren Arbeitsbedingungen, höheren Löhnen und sozialer Gerechtigkeit strebt. Marx glaubte, dass der Klassenkampf letztendlich zur Überwindung des Kapitalismus und zur Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, dem Kommunismus, führen würde. Im Klassenkampf können verschiedene Formen des Widerstands und der Organisierung auftreten, wie Streiks, Gewerkschaften, politische Bewegungen und revolutionäre Aktivitäten. Der Klassenkampf kann auch in ideologischen Auseinandersetzungen und politischen Debatten zum Ausdruck kommen.

Klassenlose Gesellschaft: Eine klassenlose Gesellschaft ist das Ziel des Marxismus. Es ist eine Gesellschaftsordnung, in der es keine Klassenunterschiede, keine Ausbeutung und keine Privilegien aufgrund von Eigentum gibt. In einer klassenlosen Gesellschaft werden die Produktionsmittel kollektiv kontrolliert und die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen basieren auf Prinzipien der Gleichheit, Solidarität und Zusammenarbeit.

Kommunismus: Der Kommunismus ist das angestrebte Endziel im marxistischen Denken. Es ist eine klassenlose Gesellschaft, in der die Produktionsmittel gemeinschaftlich besessen und kontrolliert werden und der Grundsatz “Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen” gilt. Im Kommunismus sollen die sozialen Ungleichheiten überwunden, die Ausbeutung abgeschafft und eine umfassende gesellschaftliche Gleichheit erreicht werden.

Kritik der politischen Ökonomie: Die Kritik der politischen Ökonomie ist eine grundlegende Methode im Marxismus, die sich mit der Untersuchung und Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise befasst. Sie analysiert die Gesetze des Kapitalismus, wie den Mehrwert, die Ausbeutung der Arbeitenden und die Tendenzen zur Konzentration des Kapitals. Marx’ Werk “Das Kapital” ist ein Beispiel für die Kritik der politischen Ökonomie.

Lohn: Der Lohn bezieht sich auf die Bezahlung, die ein:e Arbeiter:in für ihre Arbeitskraft erhält. Im marxistischen Kontext ist der Lohn eine Form des Wertes, den Arbeiter:innen für ihre geleistete Arbeit ausgezahlt wird. Marx argumentierte, dass der Wert der Arbeitskraft der Arbeiter:in unter dem Wert liegt, den die Arbeiter:in tatsächlich durch seine Arbeit schafft.

Marxismus: Der Marxismus ist eine politische und ökonomische Theorie, die auf den Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels basiert. Der Marxismus analysiert die kapitalistische Gesellschaftsordnung kritisch und betont die Bedeutung des Klassenkampfes, der Ausbeutung der Arbeitenden und der Notwendigkeit einer revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft. Der Marxismus sieht die sozialen Verhältnisse als von den Produktionsverhältnissen und den ökonomischen Strukturen geprägt und betont die Bedeutung der politischen und wirtschaftlichen Organisierung der Arbeiter:innenklasse. Der Marxismus hat verschiedene Schulen und Interpretationen hervorgebracht und ist zu einer einflussreichen politischen Bewegung geworden, die sich weltweit verbreitet hat.

Materialismus: Der Materialismus ist eine philosophische Position, die betont, dass die materielle Realität und die ökonomischen Bedingungen die Grundlage für die gesellschaftliche Entwicklung und das Bewusstsein der Menschen bilden. Im marxistischen Sinne basiert die Gesellschaftsordnung auf den materiellen Produktionsverhältnissen und den Klassenkämpfen, die daraus resultieren. Marx und Engels betonten den dialektischen Materialismus, der davon ausging, dass die materiellen Bedingungen die Basis für die Entwicklung von Ideen, politischen Institutionen und sozialen Strukturen bilden.

Mehrwert: Der Mehrwert bezieht sich auf den zusätzlichen Wert, der durch die Arbeit eine:r Arbeiter:in über den Wert ihrer eigenen Arbeitskraft hinaus geschaffen wird. Im Kapitalismus eignen sich Kapitalist:innen den Mehrwert an und akkumulieren dadurch Kapital. Marx argumentierte, dass der Mehrwert auf der Ausbeutung der Arbeitskraft der Arbeiter:innen basiert.

Ökonomische Determination: Die ökonomische Determination ist ein zentraler Grundsatz im Marxismus, der besagt, dass die ökonomischen Verhältnisse einer Gesellschaft den grundlegenden Einfluss auf ihre sozialen, politischen und kulturellen Aspekte haben. Marx argumentierte, dass die Art und Weise, wie die Produktion organisiert ist und wie der gesellschaftliche Reichtum verteilt wird, die sozialen Klassen, die sozialen Beziehungen und die Ideologie einer Gesellschaft bestimmen. Dies bedeutet, dass die Wirtschaftsstruktur die Basis bildet, auf der sich alle anderen gesellschaftlichen Bereiche entwickeln.

[Partei]: Lenin entwickelte eine Theorie der revolutionären Partei, die als Avantgarde des Proletariats fungieren sollte. Er betonte die Notwendigkeit einer disziplinierten, zentralisierten und gut organisierten Partei, um die revolutionären Ziele zu erreichen. Lenin argumentierte, dass die Partei eine entscheidende Rolle bei der Führung der Arbeiter:innenklasse in der Revolution und beim Aufbau des Sozialismus spielt.

Politische Macht der Kapitalist:innen: Nach Marx’ Lehre wird damit gemeint, dass im fortgeschrittenen Stadium des Kapitalismus die Kapitalist:innen nicht nur über finanzielles Kapital (Geld) verfügen, sondern auch über politische Macht. Marx argumentierte, dass im Kapitalismus die Konzentration von Kapital zunimmt, wodurch einige wenige Kapitalist:innen große Mengen an Kapital ansammeln und dominante Positionen in der Wirtschaft erreichen. Diese Kapitalist:innen können dann ihre finanzielle Macht nutzen, um auch politische Macht zu erlangen. Durch den Besitz von großen Unternehmen, Banken und anderen Finanzinstitutionen können Kapitalist:innen politischen Einfluss ausüben, indem sie politische Parteien finanzieren, Lobbyarbeit betreiben und politische Entscheidungsprozesse beeinflussen. Marx sah dies als eine Form des Klassenkampfes an, bei dem die herrschende Klasse, die Bourgeoisie, ihre Interessen durchsetzt und die Arbeiter:innenklasse unterdrückt. Marx argumentierte auch, dass die politische Macht der Kapitalist:innen dazu dient, die bestehenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse aufrechtzuerhalten und ihre Profite zu schützen. Diese Verflechtung von wirtschaftlicher und politischer Macht führt laut Marx zu einer verstärkten Ausbeutung der Arbeiter:innenklasse und verstärkt die Ungleichheiten im kapitalistischen System.

Produktionsmittel: Produktionsmittel sind die materiellen Ressourcen, die in den Produktionsprozess einfließen, um Waren herzustellen. Dazu gehören Maschinen, Rohstoffe, Werkzeuge und Fabriken. Im Kapitalismus sind die Produktionsmittel im Besitz der Bourgeoisie und dienen dazu, den Mehrwert aus der Arbeit der Arbeiter:innen zu extrahieren.

Produktionsverhältnisse: Die Produktionsverhältnisse beziehen sich auf die Art und Weise, wie die Produktion in einer Gesellschaft organisiert ist und wie die Menschen in Bezug auf die Produktionsmittel miteinander interagieren. Im Kapitalismus bestehen die Produktionsverhältnisse aus dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, der Ausbeutung der Arbeitskraft und dem Warenaustausch auf dem Markt.

Proletariat: Das Proletariat bezieht sich auf die soziale Klasse der Arbeiter:innen, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an Kapitalist:innen zu verkaufen. Marx sah das Proletariat als eine revolutionäre Klasse, die das kapitalistische System stürzen und eine sozialistische Gesellschaft errichten könnte.

Reproduktion: Der Begriff Reproduktion bezieht sich auf den Prozess der Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der kapitalistischen Produktionsweise. Er umfasst die physische Reproduktion der Arbeitskraft (durch Ernährung, Ruhe usw.) und die soziale Reproduktion der Produktionsverhältnisse (durch Bildung, Ideologie usw.). Die Reproduktion spielt eine wichtige Rolle in der Aufrechterhaltung der Klassenbeziehungen und der kapitalistischen Struktur.

Revolution: Die Revolution bezieht sich auf den grundlegenden sozialen Wandel, der durch den Sturz der herrschenden Klasse und die Umgestaltung der sozialen und ökonomischen Verhältnisse herbeigeführt wird. Im Marxismus wird die Revolution als notwendige Voraussetzung gesehen, um den Kapitalismus zu überwinden und eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaftsordnung zu etablieren.

Revolutionäres Subjekt: Das revolutionäre Subjekt bezieht sich auf die soziale Gruppe oder Klasse, die in der Lage ist, eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft herbeizuführen. Im Marxismus wird das Proletariat als das revolutionäre Subjekt betrachtet, da es aufgrund seiner ökonomischen Stellung und seiner Masse die Fähigkeit hat, den Kapitalismus zu stürzen und eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaftsordnung zu etablieren.

Sozialismus: Der Sozialismus ist eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung, die auf der kollektiven Kontrolle der Produktionsmittel durch die Arbeiter:innenklasse basiert. Im Sozialismus werden die Produktionsmittel in Gemeineigentum überführt, die Ausbeutung wird reduziert und es wird angestrebt, eine egalitäre und gerechte Gesellschaft zu schaffen. Der Sozialismus wird oft als Übergangsphase auf dem Weg zum Kommunismus betrachtet.

[Staat]: Lenin betonte, dass der Staat ein Instrument der herrschenden Klasse sei, um ihre Macht und Interessen aufrechtzuerhalten. Im Kapitalismus fungiert der Staat als Mittel zur Sicherung der Ausbeutung und zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Lenin argumentierte, dass die Arbeiter:innenklasse, um den Kapitalismus zu überwinden, eine revolutionäre Diktatur des Proletariats etablieren müsse. Diese Diktatur sollte die politische Macht direkt in den Händen der Arbeiter:innenklasse haben und dazu dienen, die Ausbeutung zu beenden, die Produktionsmittel zu verstaatlichen und den Übergang zum Sozialismus zu ermöglichen. Lenin betonte, dass der bürgerliche Staat nicht reformiert werden könne, sondern durch eine revolutionäre Aktion gestürzt werden müsse. Der sozialistische Staat werde letztendlich überflüssig und müsse sich selbst überwinden. Dies geschehe durch die schrittweise Entwicklung des Kommunismus, in dem die Klassenunterschiede und die Notwendigkeit eines Staates verschwinden. Bedeutung haben dabei die Räte, oder Sowjets, als Formen der Arbeiter:innendemokratie. Er sah in ihnen die Möglichkeit einer direkten Beteiligung der Arbeiter:innenklasse an der politischen Entscheidungsfindung und betonte ihre Rolle als Instrumente der proletarischen Macht.

Tauschwert: Der Tauschwert bezieht sich auf den Wert, den eine Ware auf dem Markt hat und gegen andere Waren getauscht werden kann. Der Tauschwert wird durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt, die für die Produktion der Ware aufgewendet wird.

Überbau: Der Überbau bezieht sich in der marxistischen Theorie auf den ideologischen, politischen und rechtlichen Überbau einer Gesellschaft. Er umfasst die gesellschaftlichen Institutionen, wie den Staat, die Religion, das Bildungssystem und die Kultur, die eng mit den ökonomischen Verhältnissen verbunden sind und die Interessen der herrschenden Klasse widerspiegeln.

Verdinglichung: Verdinglichung bezieht sich auf den Prozess, bei dem soziale Beziehungen und menschliche Aktivitäten in einer Gesellschaft als Dinge oder Objekte behandelt werden. Marx verwendete den Begriff, um darauf hinzuweisen, dass im Kapitalismus soziale Beziehungen zwischen Menschen, wie die Beziehung zwischen Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen, auf den Austausch von Waren reduziert werden. Die Verdinglichung führt zu einer Entfremdung und Entpersönlichung der sozialen Beziehungen.

Versachlichung: Versachlichung bezieht sich auf den Prozess, bei dem menschliche Aktivitäten, Beziehungen oder Vorstellungen in einer Gesellschaft in objektive oder unpersönliche Formen umgewandelt werden. Im marxistischen Kontext beschreibt Versachlichung den Zustand, in dem soziale Verhältnisse, die eigentlich von Menschen geschaffen wurden, als unveränderliche Naturgesetze oder objektive Strukturen erscheinen. Dies führt dazu, dass soziale Beziehungen und Klassenverhältnisse als unabhängig von menschlichem Handeln und Einfluss wahrgenommen werden. Marx betonte, dass im Kapitalismus die ökonomischen Strukturen und Beziehungen zwischen den Klassen zu einer Versachlichung führen, bei der der Wert und die Warenform den menschlichen Beziehungen übergeordnet werden.

Warencharakter: Der Warencharakter bezieht sich auf die Eigenschaften einer Ware im kapitalistischen System. Eine Ware hat einen Tauschwert, der durch die abstrakte Arbeit bestimmt wird, die in ihre Produktion eingeflossen ist, sowie einen Gebrauchswert, der ihren Nutzen für Käufer:innen darstellt. Marx argumentierte, dass im Kapitalismus alles, einschließlich der Arbeitskraft selbst, zur Ware wird und dass die Gesellschaft von der Produktion und dem Austausch von Waren bestimmt ist.

Widerspruch: Im Marxismus bezieht sich der Begriff “Widerspruch” auf die Spannungen, Konflikte oder Gegensätze, die innerhalb einer sozialen Formation, wie dem Kapitalismus, existieren. Marx argumentierte, dass Widersprüche zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen sowie zwischen den verschiedenen Klassen zu sozialen und politischen Veränderungen führen können. Widersprüche sind ein Motor des gesellschaftlichen Wandels und können zur Überwindung des kapitalistischen Systems führen.

gedicht

June 2nd, 2023 by annaruhtra

“der herbst ist keine jahreszeit,

und wenn, dann von der seele, nicht von der natur.”

ich glaube, ich habe dich schon verloren.

sie sagen dinge, die zusammengehören, kann man nicht trennen.

ich glaube du bist gegangen,

als ich bleiben wollte.

sie sagen alles hinterlässt spuren.

ich glaube du nahmst alles mit dir

außer die traurigkeit.

sie sagen man müsse stark sein.

ich glaube du weißt,

dass ich das nicht bin.

sie sagen vermissen kommt in wellen.

ich glaube ich ertrinke,

während du vom schwimmen redest.

Queerfeminismus? Ich lenin ab.

May 18th, 2023 by annaruhtra

Die Geschichte des Feminismus

Feministische Bewegungen lassen sich in verschiedene Wellen einteilen. Die erste Welle beginnt grob am Anfang des 19. Jahrhunderts und zieht sich bis zur Teilung zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung, letztere bekannt durch ihre Vertreterin und Gründerin des deutschen 8. März Clara Zetkin (1857-1933). Während die bürgerliche Frauenbewegung die Gleichheit von Mann und Frau für lediglich das Bürgertum verlangte, kämpfte die proletarische Frauenbewegung für eine Befreiung aller. Arbeiter:innen in beispielsweise England aber auch Deutschland formierten sich, sie kämpften um Mutter- und Arbeitsschutz, um Arbeitszeitverkürzung, Lohnverbesserung, Frauenwahlrecht und rechtliche Gleichstellung – sie wollten die Freiheit der Arbeiter:innen. Clara Zetkin erkannte dabei: in der doppelt ausgebeuteten Rolle kann es keine Freiheit der Frau geben. Ihre Befreiung ist ein Bruch der Verhältnisse, ein Aufheben der Klassen, ein Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Nur so kann es eine Befreiung der Frau geben, nur so einen ehrlichen emanzipatorischen Ansatz – nicht durch bürgerliche Frauenbewegungen, nicht durch Romantisierung der Bourgeoisie. Daran anschließend waren es in der zweiten Welle Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem Studentinnen, die sich nach Vorbildern wie Alice Schwarzer und Audre Lorde nicht nur explizit mit dem Patriarchat, sondern auch mit Rassismus beschäftigten. Hinzu kam ein Fokus auf Abtreibungsrechte. In der dritten Welle, die man ab 1980/90 erkennt, entwickelten sich neue Theorien, bekannt ist in erster Linie Judith Butler. Mit dem neuen Fokus auf Fragestellungen, wie Geschlecht entsteht, aber auch wie sexuelle Befreiung aussieht, entstand eine postmoderne Feminismustheorie, der Queerfeminismus. Zusätzlich prägten Diskurse um die Thematik Prostitution/Sexarbeit den feministischen Kampf. Manche Feminist:innen sprechen von einer vierten Welle in der wir uns momentan befinden. Angestoßen durch beispielsweise die #MeToo-Debatte gerät der feministische Diskurs immer weiter ins Internet und den Mainstream. Neuer Fokus liegt auf Trans-Inklusivität und queeren Geschlechtern, oftmals im klaren Ideal von queerfeministischer Theorie. Zudem erleben wir eine Zuspitzung der Aneignung von Feminismus durch den Kapitalismus.

Der Wahnsinn der Postmoderne

Das Entstehen von postmodernen Ansätzen (darunter feministische und antirassistische linke Theorien) lässt sich nur durch ein Versagen erklären: durch das Vergessen. Was postmoderne Diskurse eint, ist eine Abkapselung von bisheriger Theorie. Das bewusste Vergessen und Vergessenmachen von bereits entwickelter Theorie und damit auch Erkenntnisständen. Nur so lässt sich erklären, weswegen postmoderne Ansätze bewusst auf ökonomische Zusammenhänge verzichten. Statt historisch gewachsenen Analysen, die Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse auf kapitalistische Produktionsweise zurückzuführen und zu verbessern, verleumden die vorherrschenden Theorien unserer Zeit diesen Zusammenhang und dieses Fundament. Unterdrückungen werden stattdessen auf Diskriminierung zurückgeführt. Während Clara Zetkin noch klarstellte, mit welcher Macht Ausbeutung einherkommt:

„Mag man heute unsere gesamte Gesetzgebung dahin abändern, dass das weibliche Geschlecht rechtlich auf gleichen Fuß mit dem männlichen gestellt wird, so bleibt nichtsdestoweniger für die große Masse der Frauen die gesellschaftliche Versklavung in höchster Form weiter bestehen: ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von ihren Ausbeutern.“

und Eric Williams ebenso an den Zusammenhang von Unterdrückung und Ausbeutung appellierte

Sklaverei kommt nicht von Rassismus, Rassismus kommt von Sklaverei“,

berufen sich heutige Diskurse nicht auf den wahrhaftigen Ursprung von Diskriminierung, sondern lösen sich aus dem systemischen Fundament, oder blenden dieses in ihrer antipatriarchalen und antirassistischen Arbeit aus. Das Ergebnis ist oft eines: Identitätspolitik. Politik wird aus der gemeinsamen Diskriminierungserfahrung heraus motiviert, anstatt diese in einem Gesamtsystem der Unterdrückung zu sehen und daher aus einer Gemeinschaft heraus für einen Systemwandel zu kämpfen. Das resultiert in absurden Vorstellungen von Betroffenenpolitik und Allyship-Politik. Das Konzept des Allyship ersetzt dabei Solidarität und gemeinsame Kämpfe durch reine Lippenbekenntnisse von beispielsweise weißen Personen und Symbolik in der Unterstützung von „Rassismus-Betroffenen“ oder eben überausgebeuteten Menschen in einem rassistischen System. Es bedeutet auch, dass es mir als weiße Person nicht zu steht mehr über Rassismus zu schreiben, schließlich habe ich ihn nie erlebt. Ich nehme es mir an dieser Stelle trotzdem raus: Antirassistische Kämpfe sollten sich nicht in BIPOC-Gruppen abspalten, antirassistische Kämfpe sollten sich nicht in Betroffene und Allyship spalten, antirassistische Kämpfe sollten inmitten aller anderen Diskurse stehen und gekämpft werden. Von allen Antifaschist:innen egal welcher Diskriminierungserfahrung. Die wirkliche Absurdität von Antidiskriminierungspolitik spitzt sich allerdings in feministischen Diskursen zu, im Queerfeminismus.

Der Fall Queerfeminismus

Was ist Queerfeminismus eigentlich? Beantworten können das meist nur feministische akademische Kreise, wo der Queerfeminismus vorherrscht. In daran anknüpfenden aktivstischen Bereichen und Gruppen wird der Begriff oftmals ohne Vorkenntnisse gewählt. In Gesprächen hörte ich dabei immer wieder, dass Gruppen sich als queerfeministisch verstehen, weil sie bei dem Begriff Frau auch Transfrauen miteinschließen. Das ist richtig und wichtig, aber absolut keine queerfeministische Theorie. In vielen Bereichen des Feminismus sind mit dem Begriff Frau auch Transfrauen miteingeschlossen – die Angst vor TERFS (Trans-exklusive Raikalfeminist:innen) ist in manchen Kreisen so riesig, dass angenommen wird, dass alle Feminismustheorien TERF-Theorien seien, die nicht queerfeministisch sind. Das ist schlichtweg falsch. Ergänzend wird auch gerne angenommen, dass der Queerfeminismus der Einzige sei, der die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern annimmt. Auch das ist schlicht weg falsch. Beides ist weder Abgrenzung des Queerfeminismus von anderen Strömungen noch die Theorie auf die sich Queerfeminismus beruft. Diese Unwissenheit über die eigene Theorie herrscht in vielen Gruppen und lässt sich eventuell auf die Tatsache zurückführen, dass der Begriff „Queerfeminismus“ unschlagbar gut klingt – es klingt nach dem einzigen Feminismus der queeres Leben berücksichtigt. Der Titel ist tatsächlich ein echter Glücksgriff. Doch was ist nun der ausschlaggebende Punkt des Queerfeminismus, wodurch er sich von anderen differenziert?

  1. Einordnung in Feministische Strömungen

Der Queerfeminismus gehört zu den Strömungen des Dekonstruktiven Feminismen. Was kompliziert klingt, lässt sich einfach erklären: Würde man allen feministischen Theorien die Frage stellen „Sind Männer und Frauen gleich?“ würden sie unterschiedlich antworten. Liberaler Feminismus oder Care-Feminismus, beides Strömungen des Gleichheitsfeminismus, würden erwidern, dass Männer und Frauen gleich sind. Radikale Feminismen, wie der Radikalfeminismus aber auch der Ökofeminismus oder konservativer Feminismus würden stattdessen antworten, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind. Der Queerfeminismus würde erwidern, dass die Fragestellung falsch ist, da er die Kategorien Frau und Mann ablehnt, er erkennt diese Begriffe als Konstrukte, an die er nicht glaubt. Dieses Konzept nennt man Dekonstruktivismus. Es klingt zunächst einleuchtend: Frau und Mann sind ausgedachte Konzepte, die durch beispielsweise queere Geschlechter widerlegt werden. Queerfeminist:innen lehnen daher das Konzept der Einteilung ab. Aus der richtigen Analyse, folgt der falsche Schluss. Dabei wird nämlich verleumdet, dass in unserer Gesellschaft diese Kategorien leider vorherrschen: das reine aberkennen dieses Konstrukts bekämpft das Konstrukt noch nicht. In der Praxis mangelt es dann an Anschlussfähigkeit: Im Alltag gibt es nämlich eine Einteilung in Mann und Frau, diese ist gewiss nicht frei gewählt, aber diese Tatsache abzulehnen, hebt sie nicht auf. Dabei müssen wir erkennen, dass die Einteilung in Mann und Frau nicht nur queerfeindlich ist, sondern auch eine strikte Einteilung in ein Geschlecht, das unterdrückt wird und ein Geschlecht, das von dieser Unterdrückung profitiert, geschieht. Das müssen wir nicht Mann und Frau nennen, ist aber die Wirklichkeit, in der wir leben. Klar ist, dass keine Feminist:innen das gut heißen. Außerdem berufen sich viele Feminismen dabei auf die Tatsache, dass diese Einteilung queere Menschen diskriminiert und unsichtbar macht, ohne dabei die Realität der Existenz der Einteilung durch Dekonstruktion zu verleumden. Die Taktik, andere Geschlechter sichtbarer machen zu wollen, ist richtig, verhindert aber nicht ihre Unterdrückung, es ändert nichts an der Einteilung von Unterdrückten und Profitierenden.

Weitere Differenzen der Feminismen lassen sich an einer weiteren Fragestellung erklären: Woher kommt Sexismus? Für sozialistischen/marxistischen Feminismus und postkolonialen Feminismus steht fest, dass der Kapitalismus schuld ist, dass wir patriarchale Unterdrückung in dem heutigen Ausmaß erfahren und er sich vehement hält. Manche Ausrichtungen des Öko-Feminismus führen Umwelt-Ausbeutung und Verwobenheit mit der Biologie an, um diese Diskriminierung zu erklären. Der Anarchafeminismus gibt Machtverhältnissen an sich die Schuld als Basis von Sexismus. Der Radikalfeminismus würde der patriarchalen Männergesellschaft als Täter benennen. Der Queerfeminismus entgegen weist keine klare Benennung eines Ursprungs auf. Selbstverständlich gibt es auch vermeintlich antikapitalistische Strömungen innerhalb des Queerfeminismus, doch beruft er sich nicht einheitlich auf eine ökonomische Verwobenheit von sexistischen Umständen. Dieses fehlende Bekenntnis, sorgt dafür, dass Sexismus als Diskriminierungserfahrung oft freigelöst von strukturellen Ebenen wie dem Patriarchat und Kapitalismus betrachtet wird. Diese These mag ein Schock für einige Queerfeminist:innen sein: queerfeministische Theorie beruft sich nicht auf Antikapitalismus. Damit grenzt er sich zusätzlich von sozialistischen/marxistischen und anarchistischen Feminismustheorien ab, verkürzt aber auch Analysen. Wer Sexismus als Diskriminierung abtut, ohne eine Vernetzung mit dem Kapitalismus zu erkennen wird auch nicht antikapitalistisch arbeiten.

Das führt uns zur nächsten Unterscheidung der Feminismustheorien: Die Praxis, die aus ihnen folgt. Liberaler Feminismus, konservativer Feminismus oder transformativer Feminismus erhoffen sich eine Reformierbarkeit der Wirtschaft. Durch zum Beispiel Frauenquoten erhoffen sich Teile dieser Feminist:innen eine Gleichbehandlung und eine Ende der männlichen Vorherrschaft. Sozialistischer/marxistischer Feminismus, Teile des Öko-Feminismus und Anarchafeminismus fordern ein klares Ende des Kapitalismus, um im gleichen Kampf ein Ende des Patriarchats und damit der geschlechterbasierten Unterdrückung zu beenden. Der Diskurstheoretischer Feminismus und der Queerfeminismus setzen stattdessen auf Veränderungen im Alltag: die Praxis ist daher die Veränderung von Sprache sowie persönliches Empowerment.

An dieser Stelle haben sich hoffentlich schon einige Menschen vom Queerfeminismus verabschiedet, da sie erkannten, dass der Begriff Queerfeminismus schlicht und einfach nicht ihre politische Haltung beschreibt und falsch gewählt war. Den Menschen, die dennoch standhaft an der Idee festhalten, beispielsweise Sprachveränderungen seien der richtige Weg gegen das Patriarchat, denen sei der nächste Absatz gewidmet.

2. Die Sache mit der Sprache

In den meisten politischen materialistischen Diskursen ist klar: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Der Queerfeminismus grätscht rein und scheint stattdessen zu fordern, dass die Sprache das Bewusstsein formt und das Bewusstsein das Sein (Poststrukturalismus). An dieser Stelle muss es kurz philosophisch werden. Philosoph:innen aller Länder vereinigt euch und verzeiht die folgende Verkürzung. Wenn man Materialismus so simpel wie möglich erklären will, könnte man sagen, es gibt erst einen Zellhaufen, wir nennen ihn Gehirn, und danach elektrische Signale, die durch ihn fließen, wir nennen diese Stimulation Gedanken. Es gibt erst eine Hormonausschüttung und dann ein Gefühl, es gibt erst einen Körper und dann einen Charakter. Dabei ist alles aus Materie gemacht. Jede Zelle besteht aus Zellbestandteilen, die sich beispielsweise aus Proteinen zusammensetzen, welche aus Aminosäuren bestehen, die Moleküle aus Atomen sind, die sich wiederum aus Elektronen, Neutronen und Protonen zusammensetzen. Es gibt also nichts, was nicht aus Materie besteht, sondern nur Dinge, die Materie sind oder aus ihr gemacht werden. Die Grundlage dieser Erkenntnis sind die Naturwissenschaften, das Konzept nennt sich Materialismus. Dem gegenüber stehen beispielsweise Religionen, durch die Theorie, es gäbe Seelen unabhängig vom Körper, unabhängig von Fleisch und Knochen, unabhängig von Materie. Diese Vorstellung nennt man Idealismus. Dem entgegnet der Marxismus strikt den Dialektischen Materialismus, demnach ist die Dialektik eine Anleitung zum Handeln (Engels), was eine beständige Weiterentwicklung, anstatt vollständige Analyse fordert. Wir können ohne weitere Vertiefung in die Rolle von dialektischen Widersprüchen verstehen, dass unsere Gegebenheiten uns bestimmen und formen. Dass wir in Wechselwirkung mit der Welt stehen, dass wir anhand unserer materialistischen Bedingungen agieren. Wir sehen, dass die Wirtschaftsform damit ausschlaggebend für unsere Gesellschaftsform ist, dass diese Dinge nicht getrennt voneinander sind, sondern oftmals gleichbedeutend. Das erkannten beispielsweise Marx und Engels. Letzterer lieferte die Analyse, dass die erste Unterdrückung, die der Frau vom Mann gewesen sei. Das wollen wir uns beispielshaft anschauen: finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Mann in Familienkonzepten. Wer hier denkt, dass ursprüngliche Ehen gemeint sind, liegt falsch. Auch vermeintlich moderne heterosexuelle Beziehung weisen finanzielle Abhängigkeiten durch die „Gender-Pay-Gap“, Care-Arbeit bei Kindererziehung, Erziehungsurlaub und unterschiedliche Renten auf. Die finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Mann formte die Beziehung dieser Geschlechter: die Frau war darauf angewiesen den Mann zu befriedigen, um nicht den Zugang zu seinen Privilegien, wie etwa finanzielle Mittel, zu verlieren. Befriedigen bedeutet an dieser Stelle tatsächlich unteranderem auch wonach es klingt: Eine Ehefrau, die ihren sexuellen Verpflichtungen nicht nachkam, hatte das Risiko verlassen zu werden. Unter dieser Bedingung kann Sexualität nicht mit Fokus auf die weiblichen Bedürfnisse stattfinden. Dass die sexuelle Befreiung, insofern wir sie schon erreicht haben, also nur mit der fortschreitenden finanziellen Unabhängigkeit der Frau vom Mann kommen konnte, sollte an dieser Stelle klar geworden sein. Dieses Beispiel ist allgegenwärtig: die ökonomischen Bedingungen sind Fundament für unsere Ausbeutung und auch für unsere Unterdrückung.

Hier zeichnet sich eine falsche Analyse des Queerfeminismus ab: die Durchmischung von Ausbeutung und Unterdrückung. Klären wir zunächst, was Ausbeutung ist. Geprägt ist dieser Begriff maßgeblich durch Marx selbst, der ihn in der Arbeitswerttheorie nutzt, jedoch verbirgt sich weiter ein soziales Konstrukt hinter Ausbeutung, bei dem die Ausbeutung in einer Wechselbeziehung zu den Ausgebeuteten steht, die sowohl eine Schädigung als auch eine Abhängigkeit beinhaltet, welche wiederum in beide Beziehungsrichtungen wirkt. Es ist eine ökonomishce Beziehung, die im Queerfeminismus nicht berücksichtigt wird. Die Unterdrückung hingegen hat keine wechselseitige Abhängigkeit, keinen ökonomishcen Hintergrund. Der Unterdrückte ist nicht von der eigenen Unterdrückung abhängig; der Unterdrückende nicht zwangsläufig von den Unterdrückten. Wir müssen also stets beides analysieren: Wo wird Ausbeutung und wo Unterdrückung erlebt? Beides gilt beispielsweise für den Arbeitsmarkt, aber auch in der Sexualität. Es gilt nicht für die Sprache: Dort zeichnet sich eine Diskriminierung, ein unterdrückendes Verhalten ab, aber keine Ausbeutung. Das Beenden von sexistischen Beleidigungen oder dem generischen Maskulinum und das Einführen von neuen Begriffen (FINTA) können daher nur eine Bestrebung gegen Sexismus und Unterdrückung sein, nicht gegen Ausbeutung, welche zwangsläufig durch Wechselbeziehungen und ökonomische Interessen geprägt sind, welche sich nicht durch Sprache angreifen lassen. Gesellschaftlichen und systemischen Wandel können wir mit Sprache also nicht bewirken; queerfeministische Praxis beschränkt sich aber dennoch oft auf diese. Aber nicht die Sprache formt, wie wir denken, die Sprache ist ein Abbild, wie wir denken, und das wiederum ist maßgeblich von der Welt geprägt in der wir leben, von der Gesellschaft, von der Unterdrückung, von der wirtschaftlichen Ausbeutung. Es hat keine Menschen in die Prostitution gezwungen oder aus ihr befreit, wenn Hure eine Beleidigung ist oder nicht. Und wir werden auch nicht mehr Frauen auf den Mond bekommen, nur weil wir Astronaut:innen sagen. Sprache schließt und öffnet nur kleine Türen, aber wir brauchen große Tore, wenn wir frei sein wollen. Gesagt sei nicht, dass Sprache und Gendern egal sind, gesagt sei nur, dass es weder Aktivismus noch ausreichende Praxis gegen das Patriarchat ist. Nun werden die letzten standhaften Queerfeminist:innen schreien: Ja, aber wir machen ja auch noch mehr! Okay, dann schauen wir uns doch die weiteren politischen Grundpfeiler genauer an.

3. Intersektionalität, Diversität und anderer Hokuspokus

Feministische Theorien unterscheiden sich bei der Fokussetzung beziehungsweise der Analyse von zusammenhängenden Kämpfen. Der sozialistische/marxistische Feminismus bekennt sich klar zum Kampf gegen Klassen, dabei wird ein Fokus auf Arbeiter:innen, insbesondere auch Migrant:innen gelegt, genauso wie auf Familienkonzepte und die Verwobenheit mit dem Kapitalismus. Auch der Öko-Feminismus fokussiert sich auf kapitalistischer Ausbeutung, aber auch auf die herrschende Abneigung von Natur und Natürlichkeit. Postkolonialer Feminismus legt, wie der Name vermuten lässt, einen Schwerpunkt auf Arbeit zu Kolonialismus, Rassismus und dem Kapitalismus. Anarchafeministische Ansätze beschäftigen sich mit dem Kapitalismus und Machtverhältnissen oder Hierarchien. Der Queerfeminismus setzt auf die Bedeutung von (queerer) Sexualität, die eigene sexuelle/Gender-Identität und Familienkonzepte. Ein Grundpfeiler ist dabei das Streben nach Intersektionalität und Diversität. Das klingt zunächst wieder einmal sehr logisch: Es gibt verschiedene Unterdrückungsformen, wodurch die unterschiedliche Ausbeutung nach beispielsweise Geschlecht oder Race berücksichtigt werden müssen. Diese Kämpfe müssen dann mit Berücksichtigung verschiedener Kombinationen gemeinsam geführt werden, während sich möglichst divers aufgestellt werden sollen. Nun soll mit der These eingeleitet werden: Intersektionalität ist ein falscher Ansatz. Intersektionalität, und damit verbunden die Idee einen Kampf aus der eigenen Identität mit der Inklusion anderer Identitäten zu führen, behauptet, Feminismus müsse viele Kämpfe zusammenführen. Diese Kämpfe hätten aber nie getrennt werden sollen! Die vermeintliche Analyse von Überschneidungen verschiedener Diskriminierungen und der Summe als Fazit, verkennt den wirklichen Zusammenhang: den des Kapitalismus. Während antikapitalistische Feminismustheorien schon immer die Existenz von Überausbeutung von beispielsweise schwarzen Frauen berücksichtigt, als eben diese Ausbeutungsform im Kapitalismus, ist es nur der postmoderne Feminismus, der denkt, Menschen in der Analyse hinzufügen zu müssen. Während antikapitalistische Feminismustheorien schon immer die Existenz von Überausbeutung von beispielsweise schwarzen Frauen berücksichtigt, als eben diese Ausbeutungsform im Kapitalismus, ist es nur der postmoderne Feminismus, der denkt, Menschen in der Analyse hinzufügen zu müssen. Eben genau weil ein grundsätzliches antikapitalistisches Konzept fehlt. Der marxistische Feminismus beispielsweise muss sich nicht neu aufstellen, um antirassistisch und queersolidarisch zu sein, alle Unterdrückungen sind bereits durch die Ausbeutungsverhältnisse, welche der Unterdrückung zu Grunde liegen analysiert. Während ein weiß geprägter Queerfeminismus beginnt, antirassistisch werden zu wollen und queere Geschlechter und Identitäten zu inkludieren, sind queere Kämpfe in marxistischen Analysen gegen traditionelle Familienkonzepte schon historisch gewachsen, genauso wie die Befreiung schwarzer Frauen. Dinge, die zusammengehören, zusammenführen zu müssen, zeigt die Schwäche des Queerfeminismus: er spaltet Unterdrückungsverhältnisse und trennt sie von Ausbeutungsverhältnissen. Nun muss er „das Pferd von hinten satteln“. Das ist schlichtweg falsch, da an dieser Stelle die kapitalistische Ausbeutung lediglich als weitere Unterdrückungs- und Diskriminierungsform ergänzt wird (Klassismus etc.). Sie wird nicht als grundlegend verstanden, obwohl sie genau das ist. Ein Beispiel: Laut der Identitätspolitik von queerfeministischen Ansätzen müsste eine schwarze Frau doppelt unterdrückt und diskriminiert sein, aufgrund von Rassisfizierung und Sexismus. Ende der Analyse. Der marxistische Feminismus hingegen erkennt: eine schwarze Frau kann überausgebeutet sein aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe. Es spielt aber eine Rolle, ob diese Frau CEO oder Putzkraft ist. Das bestimmt maßgeblich ihre Erfahrungen und die vermeintlich gleiche Identität zweier schwarzer Frauen (CEO, Putzkraft) trennt sich aufgrund ihrer Klasse. Diese Klasse ist keine zusätzliche Identität, sondern Grundlage des Ausbeutungsverhältnis. Dass der Queerfeminismus diesen Klassenstandpunkt durch Identitäten ersetzt, zeigt sich in fundamentalen Forderungen: Der Queerfeminismus fordert Privilegien zu reflektieren. So weit so gut. Die Analyse ist also, dass lediglich ein falsches Bewusstsein, also ein unreflektiertes weiß/männlich Sein der Ursprung der Unterdrückung sei, ergo würde nach der Reflektion die Aufhebung der Unterdrückung und Befreiung beginnen. Hier wird deutlich, dass die Streichung oder Verkürzung des Antikapitalismus den Queerfeminismus um jegliche Strategie beraubt. Gleiches gilt für moderne antirassistische Kämpfe, die sich oftmals auf Darstellung und Repräsentation von Diversität berufen – ein richtiger aber ein nicht weit genug gehender Ansatz. Die bloße Darstellung der Existenz von Gruppen oder Geschlechtern, befreit diese nicht.

4. So kommen wir nicht weiter

Mit dem Streichen des Klassenstandpunktes stürzt der Queerfeminismus die radikale Linke tiefer in eine Krise. Ich behaupte: die postmodernen Strömungen haben die radikale Linke getötet. Es war nicht Stalin und der aufkommende Antikommunismus, es war nicht die 1968er Bewegung oder die RAF, es war die ausbleibende Reanimation, es war der Todesstoß, den die postmodernen Analysen der Linken gaben. Das Streichen des Klassenstandpunktes, anstatt seiner Aufarbeitung. Die Theorie der Kapitalismus sei nicht grundlegend, sondern ein Zusatz. Massenarbeit wird abgelehnt und Diskurse in weiße Akadermiker:innen und Antifa-Szene-Kreise verlagert. Es wird von heterosexistisch, ageistisch, klassistischen heteronormativ cisgender Privilegien gefaselt. Auf der Strecke bleibt nicht nur der:die Arbeiter:in, auf der Strecke bleiben alle die nicht in einem verzeckten, Nägel lackierenden autonomen Jugendzentrum abhängen und Awareness-Kurse besucht. Als weiße Akademikerin kann ich sagen: ich google auf Demos auch die peinlichen Wörter, die sich für die Reden ausgedacht wurden. Man sollte nicht denken, jemand könne diesem Wahnsinn noch folgen, er sei anschlussfähig, er wäre inklusiv oder ernsthaft daran interessiert Politik zu betreiben. Sich Wörter auszudenken, befreit niemanden, keine FLINTA, keine FINTA und keine Frauen. Man schottet sich ab, will in den eigenen moralischen Kreisen bleiben, sich schlauer und überlegener fühlen. Aber man hat sich nicht reflektiert, man hat sich regressiert. Es wurde sich nicht politisiert, sondern moralisiert. Und jetzt ist die Linke tot – der Queerfeminismus hat mitgeschossen. Aber es gilt die Geräte nicht abzuschalten, sondern zur Reanimation anzusetzen. Liebe Grüße an die Passivist:innen von Platypus, ihr ahnt was kommt: das revolutionäre Subjekt. Das ist was dem Queerfeminismus und unserer Zeit schlichtweg fehlt und was die Misere beenden würde. Ein revolutionäres Subjekt ist ein Subjekt, das objektiv ohnmächtig gehalten wird, und sich durch einen revolutionären Kampf genau diesem entziehen kann. Es sind die Arbeiter:innen in unserer Gesellschaft, die in ihrer wechselwirkenden Ausbeutung die Macht hätten, ihre Befreiung herbeizuführen, wenn sie eine Einheit dafür aufweisen. Aber diese Identität fehlt, sie neu zu stiften, ist, was unmöglich scheint. Es ist die Herausforderung des marxistischen Feminismus: diese Chance zu nutzen, um sich auf die Überausbeutung von Frauen und Queers zu berufen, anstatt sich in verleumdenden Ansätzen zu verstricken. Es braucht in unserer Zeit, einen Feminismus, der klar benennt, wer im Kapitalismus ausgebeutet wird und befähigt ist, die Unterdrückung zu beenden. Es sind keine linken Moralist:innen, keine Queerfeminist:innen. Es sind Frauen und Queers, es sind Arbeiter:innen! Nur ein antikapitalistischer Feminismus, kann über Reformismus hinaus wirkliche Veränderung bewirken, ohne sich vom Kapitalismus aneignen und schwächen zu lassen. [mehr im Kapitel “Feminismus im Kapitalismus”]

[Auszug] Wer über Sexismus innerhalb der Linken redet, darf von Übergriffen nicht schweigen.

May 15th, 2023 by annaruhtra

Wer über Sexismus innerhalb der Linken redet, darf von Übergriffen nicht schweigen. Ich habe sie erlebt, Genoss:innen haben sie erlebt.

Im Diskurs nach „Monis Rache“ drehte ein Teil der Linken am Rad. Kurzer Recap: Bei dem als links geltenden Musikfestival Monis Rache wurden heimlich Videoaufnahmen auf den Toiletten angefertigt. Videos mit nackten weiblichen Körpern wurden daraufhin auf einer bekannten Porno-Website veröffentlicht. Der Täter war Teil der Organisation des Festivals, ein links-politisch aktiver Mensch. Der Schock saß tief, die Verwunderung machte sich aber nur bei einem Teil breit: bei Männern. Menschen anderen Geschlechts mit denen ich ins Gespräch kam, waren zwar erschüttert, aber wirklich verwundert war niemand. Übergriffe, Täterstrukturen und Sexualisierung? Das gehörte auch für sie in „linken Freiräumen“ zum bitteren Alltag. Klar, Toilettenvideos waren definitiv eine neue Form des Übergriffs, dennoch kein Einzelfall. Das ist was Genossen aus Monis Rache lernen müssen: Ja, wir lügen nicht. Übergriffe passieren, sie passieren in Haufen, sie passieren geplant, sie passieren gewollt – von den Tätern. Während sich Teile der linken darüber zerstreiten, ob es nun Täter oder gewaltausübende Person oder Täter:innen heißt, möchte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren: Wir haben nicht nur betroffene Menschen in unseren Reihen, wir haben auch Täter unter uns. Wir haben nicht nur ein Problem mit geschlechterbasierter Gewalt, sie passiert auch bei uns und auf unseren Veranstaltungen. Ich sagte es schon ein, zwei Mal und werde nicht aufhören: es gibt keine Safespaces, es gibt keine Saferspaces.

Ich habe Täter kennen gelernt, ich war Opfer ihrer Taten, ich habe Vergewaltiger in meinen Gruppen gehabt, ich habe Betroffenen gesehen. Ich habe Täterschutz betrieben, ich habe Täterschutz geduldet. Ich habe aufwachen müssen, erkennen müssen, dass ich nicht sicher bin, dass niemand sicher ist. Dieses Buch ist eine Abrechnung mit Antifa – das ist auch eine Abrechnung mit mir selbst. Ich war, ich bin und ich werde Antifa sein. Mit ihr brechen, heißt mit mir brechen. Als ich in linken Kreisen aktiv wurde, war ich 17 Jahre alt, ich verstand nicht, warum gerade Mitte 20-jährige Genossen mir viel Politik beibringen wollten. Ich verstand nicht, was es hieß, als in einem Nebensatz erwähnt wurde, dass einer dieser Genossen auf einem Camp gerade mit einer 16-Jährigen im Zelt verschwunden ist. Ich verstand nicht, was es bedeutete als derselbe Genosse mich mehrmals gegen meinen Willen festhielt und küsste. Ich verstand im Alter von 22 als ein Mensch mir anvertraute, dass es durch denselben Menschen eine Vergewaltigung gab, was wirklich los war. Ich verstand, dass 5 Jahre lang auch meine Politik einem Menschen Raum und Freiheit gab, sich an anderen Menschen zu vergehen. Und ich verstehe erst heute, was es hieß als der Täter Menschen mit seinem Suizid drohte, wenn ich es publik machen sollte. Ich begreife erst heute, warum andere Betroffene nichts sagten, warum sie sich nicht zusammenschlossen, warum sie mich baten, still zu halten. Sie sagten sie haben Angst. Sie sagten sie haben Angst vor ihm, aber auch Angst, dass niemand ihnen glaubt. Aber alles, was ich dachte, verstanden zu haben, verstand ich erst in einem Telefonat mit dem besten Freund des Täters. Ein Telefonat, in dem mir gesagt wurde, dass meine Vorwürfe nicht stimmen könnten, weil er so etwas nie tun würde, dass das böse Gerüchte seien, dass auch meine Geschichte ein Missverständnis sei. Dieser beste Freund, einer meiner engsten politischen Kontakte seit ich 17 war, der Typ der mir das Patriarchat als antikapitalistischen Kampf näherbrachte, war auch der Typ der einen Vergewaltiger in den Schutz nahm, der mir meine Erfahrungen absprach, der andere Betroffenen die Bestätigung ihrer Angst gab: man wird euch nicht glauben. In diesem Telefonat brach mein Herz mehr als jemals zuvor. Ich würde niemals Genoss:innen anschreien, ich werde es auch niemals tun. Dass ich es in diesem Telefonat tat, war nicht der Bruch dieses Grundsatzes, es war der Bruch einer Genoss:innenschaft. Jahrelange Zusammenarbeit starb in diesem Telefonat. Ich wünsche mir, dass er das liest, ich wünsche mir, dass er liest, wie sehr ich ihn schätzte und wie viel Hass aus dieser Liebe geworden ist. Ich wünsche mir auch, dass der Täter diese Zeilen liest, ich wünsche mir, dass er weiß, dass mir sein Suizid egal wäre, dass ich benenne, was er getan hat, dass er ruhig in Nürnberg verrotten kann. Du nahmst mir Genoss:innen, du nahmst mir Sicherheit, du nahmst mir aber auch den Luxus weiter zu schweigen. Du gabst mir so viele Gründe, diese Politik zu machen und dieses Buch zu schreiben.

Übergriffe – Lösungsansätze?

Man erwartet, dass ich jetzt Zeilen über Awarenessarbeit schreibe, dass ich irgendwelche Konzepte vorstelle. Das kann ich nicht. Ich werde mit Awarenessarbeit in einem anderen Kapitel abrechnen. Gründet ruhig eure Awarenessgruppen, versucht Konzepte zu entwickeln, um Menschen zu bilden, zu sensibilisieren, eure Kurse zu besuchen, eure Mantras zu wiederholen. Stellt eure Saferspace zu Verfügung, baut eure Workshops auf, ich werde es nicht tun. Ich kann in einer Welt der Grenzüberschreitungen keine Menschen umerziehen. Ich kann Menschen nach Konsensabfragen bitten, ich kann sexuelle Aufklärung leisten, ich kann über Übergriffe reden. Ich werde sie aber nie verhindern können, und ihr auch nicht – auch nicht auf den eigenen Veranstaltungen. Aber bringt die Probleme zur Sprache, stellt die Täter zur Rede, helft den Betroffenen. Ich präsentiere keine Lösungen, ich erwähne Ansätze:

Ansätze für Betroffene

Bietet den Betroffenen Unterstützung auf allen Ebenen: helft ihnen Therapieplätze zu finden, wenn sie einen suchen. Stellt mit ihnen die Awarenessangebote auf, wenn sie sich diese wünschen. Gebt ihnen juristische Unterstützung, wenn sie sie benötigen. Baut auch Saferspace, wenn ihr das als sinnvoll erachtet, schafft den Betroffenen wieder einen Raum in euren Strukturen, gebt diesen nicht den Tätern, erobert ihn zurück mit allen Mitteln. Und am wichtigsten: Seid füreinander da, lasst euch nicht auseinandertreiben, schließt euch zusammen, als Betroffene und als Solidarische. Trefft euch regelmäßig, trefft euch privat und in Plena, redet über eure Gefühle, über eure Wünsche, über weitere Schritte. Brecht das Schweigen und brecht notfalls Nasen.

Ansätze für Täterarbeit

Verhelft den Tätern zu Schulungen, Workshops und Bildung jeglicher Art auf den Ebenen von Awareness, Feminismus und Gewalt.  Bietet so viel wie möglich und so gut es geht, in der ständigen Absprache mit Betroffenen. Versteht Täter als Teil eurer Politik: Die Aufarbeitung der Tat und von Fehlern, muss kollektiv geschehen, um weitere Taten, egal von wem, zu verhindern. Stellt dem Täter aber auch euch Hilfestellung für Reflektion, Aufarbeitung, und Verbesserung. Nutzt Lesematerial, Feedback-Runden und Kurse. Kommuniziert miteinander, stellt Forderungen oder Ausschlüsse, aber schafft Folgen.

We don’t call the cops?

In Antifa-Kreisen ist der Grundsatz in Stein gemeißelt: Wir rufen nicht die Bullen. Dennoch kommt es vor, dass Betroffene von beispielsweise sexualisierter Gewalt die Polizei rufen oder eine Anzeige machen, eventuell sogar gegen Täter aus den eigenen Reihen. Das klingt nach einem großen Widerspruch mit den Grundsätzen, eine knifflige Lage. Ich möchte an der Stelle klar Stellung beziehen: Ja, wir rufen nicht die Bullen, ja wir kooperieren nicht mit ihnen, aber: Dass sich eine betroffene Person dennoch dazu entschlossen hat, diesen Grundsatz beiseitezulegen, ist kein Verrat, es ist ein Feedback. Unsere Strukturen sind zu schlecht. Dass sich Genoss:innen an Staat und Polizei wenden müssen, bedeutet lediglich, dass wir nicht gut genug arbeiten. Dieses Feedback müssen wir ernst nehmen, und es annehmen: der Fehler liegt nicht bei den Betroffenen, es ist nicht die Einschaltung der Polizei, nein, ihre Notwenigkeit ist das Problem, und das ist nichts anderes als unsere mangelnde Arbeit. Um zu verhindern, dass Genoss:innen die Polizei benötigen oder denken zu benötigen, bedeutet, dass wir dieser Person Alternativen bieten müssen. Es bräuchte keine Untersuchung und Anzeigen, wenn man unserer Arbeit Vertrauen schenken könnte, es bräuchte keine Gerichtsverhandlung, die Täter oftmals schonen und Betroffene retraumatisieren, wenn wir Folgen kommunizieren würden und Gerechtigkeitsprozesse in unseren Reihen anstoßen würden. Wir dürfen den Betroffenen keine Schuld zuschreiben, wir müssen ihr Feedback dankbar annehmen und Lösungen für die Zukunft erarbeiten.

Prozessführung

Lösungsansätze nach Übergriffen in eignen Strukturen sind oftmals Prozessführungen. An dieser Stelle seien Konzepte wie Kollektive Verantwortungsübernahme (community accountability) und Transformative Gerechtigkeit (transformative justice) erwähnt. Diese können einen Prozess ermöglichen, in dem ohne Staat und Polizei, sondern kollektiv im eigenen Bereich erarbeitet werden kann, wie ein Umgang mit Tätern gelingen kann und im Interesse der Betroffenen gehandelt werden kann. Das ist absolute Profi-Arbeit, ich werde mir nicht herausnehmen, zu denken, diese Konzepte richtig erklären zu können oder eine Anleitung für die Anwendung zu stellen. Ich behaupte aber, dass es sinnvoll ist, sich damit präventiv auseinanderzusetzen, anstatt infolge eines Übergriffs sich ein/zwei Bücher zu dem Thema durchzulesen, und zu denken eine Aufarbeitung und gute Arbeit für Betroffene leisten zu können.

Bridgerton und der falsche Frieden mit bürgerlichem Feminismus

May 5th, 2023 by annaruhtra

Die US-amerikanische Netflix-Serie „Bridgerton“ versucht die Darstellung einer Ballsaison im frühen 19. Jahrhundert. Das vermeintliche Historiendrama ist in erster Linie ein Drama: Unter keinem Gesichtspunkt für historische Richtigkeit versuchen dort junge Frauen der gehobenen Schicht ihre Ehepartner zu finden. In Staffel 1 wird dabei die Hauptcharakterin Daphne Bridgerton mit dem Grafen verheiratet, während in Staffel 2 ihr älterer Bruder Anthony eine ehrwürdige Ehepartnerin sucht. Neben einer historischen Richtigkeit muss aber auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Klassenverhältnissen dem Kitsch und der Romantisierung weichen. Dennoch soll der Versuch gestartet werden, eine marxistische Perspektive auf diese popkulturelle Darstellung der britischen Royalität des 19. Jahrhunderts zu formulieren – zu klären ist, welche Rollen falsch besetzt wurden.

Die Rolle der Ehe

Die Serie stellt sehr schnell klar, welche Rolle der Ehe in der damaligen Zeit zufällt: Daphne Bridgerton, wie auch fast alle anderen Frauen, sehen ihren Sinn und ihre Erfüllung in der Ehe und dem Gründen einer Familie. Eine Frau muss möglichst jung vermalt werden, um ihre Zukunft -finanziell- zu sichern. Dabei wird besonders der Status der jeweiligen möglichen Ehegatten thematisiert. Ziel ist es, eine möglichst gute Partie und hohe Mitgift zu bewirken, um Status und Reichtum einzuheiraten. In der Familie Bridgerton vertreten die Frauen allerdings das Ideal einer Liebesheirat: neben dem Blick auf finanzielle Absicherung, erhofft sich Daphne Gefühle für einen Partner zu haben. Auch dieses Ziel der Liebesheirat steht bei ihr allerdings im Schatten des Wunsches nach Kindern. Neben Daphnes vermeintlich fortschrittlichen Ansichten, neben finanzieller Notwendigkeit auch aus Liebe heiraten zu wollen, tritt ihre kleine Schwester Eloise immer wieder durch radikale Ansichten in den Fokus. Eloise möchte nicht heiraten und stattdessen Zutritt zu Bildung erhalten. Sie möchte mit dem Frauenbild brechen und fühlt sich zu mehr berufen.

Die Rolle der Klasse

Die Serie schafft es komplett die Augen vor Klassenwidersprüchen zu verschließen. Der komplette Fokus liegt auf royalen und reichen Familien, während die Angestellten als gnädige und glückliche Helfer:innen inszeniert werden. Hinzu kommen Ausflüge der Bourgeoisen in urbanere und ärmere Viertel, in denen zwar Leid und Hunger herrschen, die Arbeiter:innen aber als freiere und auch sexuell-befreitere Bevölkerung dargestellt werden. Die finanziellen Abgaben, der Essensmangel und die Unterdrückung werden keiner Szene gewürdigt. Die Serie nimmt sich hoffentlich selbst nicht mehr ernst, als die Gräfin aus Tierliebe kein Schwein zur Schlachtung ernennen will und damit für weiteren Hunger sorgt. Dieser Fehler lässt sich natürlich beheben. Es entsteht ein Frieden, ein leichtes Gefühl beim Zuschauen: die Armut ist selbstverständlich und kein Grund etwa einen Aufstand anzufangen; ein Gefühl der Lockerheit. Die Absurdität spitzt sich zu, als der proletarische Boxer, welcher Probleme hat seine Familie zu ernähren, zeitgleich der beste Freund des Grafens ist und ihn trainiert – wie schön, dass diese Freundschaft frei von Klassenverhältnissen in voller Harmonie gelingen kann.

Die Rolle von Rassismus

Für die Zusehenden bietet die Serie noch mehr Frieden und Lockerheit in Bezug auf Rassismus. So sind die Schauspielende divers besetzt. Dass die Auswahl auch unabhängig des Ranges der Rolle (Graf, Königin) geschieht, erscheint zunächst sehr fortschrittlich, angesichts der Tatsache, dass so Rassismus bei der Schauspielenden-Auswahl vermeintlich minimiert wurde. Auch in dem fiktiven Universum der Serie ist klar, dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen geben soll. Peinlich wird es dann bereits in Staffel 1: in einem Nebensatz wird erwähnt, dass seit der Heirat des Königs mit einer schwarzen Frau, der Rassismus und die Unterdrückung von Schwarzen ein Ende hatte, dass sie jetzt alles sein dürften. Was hier vermittelt wird, ist eine heile Welt, ein absurder Friede, eine Abwesenheit der Unterdrückungsverhältnisse durch Liebe. Nichts ist scheinheiliger und beruhigender zu schauen als diese Serie: nach rassistischen Morden und Anschlägen, nach den Protesten von Black-lifes-matter, dann eine Serie, in der Schwarze nicht Sklaven sind, nicht unterdrückt, sondern Königin und Graf, alle vereint durch Liebe. Die Produktion setzte hier ganz klar auf Repräsentation anstatt auf ehrlichen Antirassismus. Anstatt die Unterdrückung und Überausbeutung von Menschen zu thematisieren, wird sie weiter unsichtbar gemacht und durch Diversitätspolitik verharmlost.

Die historische Richtigkeit

Die falsche historische Darstellung von Einstellungen, Klamotten, Sprache und Politik der Serie verdienen keine weitere Erwähnung und sind bereits ausführlichst in Kritiken thematisiert worden. Stattdessen soll ein Fazit zu einer richtigen Darstellung in der Serie beschrieben werden: der Darstellung von bürgerlichen Frauenbewegungen. Was der Serie wahrhaft gelingt, ist aufzuzeigen, wie bourgeoiser Feminismus aussieht, wie es aussieht, wenn liberaler Feminismus sich von Klassenverhältnis, von marxistischem Antirassismus und emanzipatorischen Ansätzen verschließt. Wenn Feminismus bedeutet aus Liebe zu heiraten, statt mit den Konstrukten zu brechen. Wenn Feminismus bedeutet als reiche Frau Bücher lesen zu wollen, anstatt sich mit der Klasse zu verschwestern. Nichts gelingt der Serie so gut, wie aufzuzeigen, wie peinlich, wie leer und wie rückschrittlich eine vermeintliche Frauenbewegung ist, die sich nur den Zugang Weniger zu Bildung erhofft. Hier bedient die Serie eine historische Richtigkeit: im 19. Jahrhundert begann die Entwicklung und Spaltung zwischen proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung. Während der Proletarischen in dieser Serie leider keine Bühne geboten wird, können wir nur die bourgeoisen Ansichten betrachten. An dieser Stelle sei daher die andere Perspektive ergänzt: Arbeiter:innen in England aber auch Deutschland formierten sich, sie kämpften um Mutter- und Arbeitsschutz, um Arbeitszeitverkürzung, Lohnverbesserung, Frauenwahlrecht und rechtliche Gleichstellung – sie wollten die Freiheit der Arbeiter:innen, statt nur der Frauen des Bürgertums. Clara Zetkin erkannte dabei: in der doppelt ausgebeuteten Rolle kann es keine Freiheit der Frau geben. Ihre Befreiung ist ein Bruch der Verhältnisse, ein Aufheben der Klassen, ein Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Nur so kann es eine Befreiung der Frau geben, nur so einen ehrlichen emanzipatorischen Ansatz – nicht durch bürgerliche Frauenbewegungen, nicht durch Romantisierung der Bourgeoisie.

Das Fazit zu Bridgerton muss sein: Keine Lockerheit und keinen Frieden mit den Umständen! Im echten Leben gibt es keine Leichtigkeit, keine Ausbeutungspause, kein Ende von Unterdrückung durch Liebe. Im echten Leben gibt es nur einen Kampf, und zwar den gegen diese Klasse.

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In lieben Gedanken bei meiner Genossin, die krank im Bett liegt und auf die dritte Staffel wartet, kämpferische Genesung!

Das A in Antifa steht für Aushalten

April 30th, 2023 by annaruhtra

Die Awareness-Falle

Awareness“ und „Awareness-Arbeit“ – es gibt wohl nichts über das in linken Kreisen häufiger gesprochen aber auch gefaselt wird. „Klassenkampf“ ist es leider schon lange nicht mehr. Dabei ist die Idee hinter Awareness zunächst gut: Politik nachhaltig gestalten, aufeinander Acht geben, füreinander da sein. Ein wunderbarer Grundsatz, der eine Selbstverständlichkeit in politischer Arbeit und Genoss:innenschaftlichkeit sein sollte. Doch braucht es ausgeklügelte Konzepte, um miteinander „aware“ zu sein? Und wann wird „Awareness in Politik“ zu „Awareness statt Politik“?

Von Party…

Gerade in Partykonzepten ist Awareness immer wieder ein Thema. Egal ob sich Veranstalter:innen als linksradikal, als queer oder linksliberal verstehen: Ohne Awarenesskonzept wird schon lange nicht mehr gefeiert. Denn immer wieder sind Partys Tatort von Übergriffen. Wichtig ist dann, mit Betroffenen aber auch den Tätern richtig umzugehen. Oft ist die Lage durch Drogenkonsum bei Partys zusätzlich zugespitzt; Präventivarbeit müsste hier geleistet werden, anstatt weitere „Feuerwehr-„Politik““. Doch anstatt grundsätzliche Analysen von beispielsweise patriarchalen Verhaltensweisen voranzubringen und zu vermitteln, findet man sich bei den Partyvorbereitungen plötzlich in Debatten wieder, wie viele Safespaces noch benötigt werden. Eine der größten Trugschlüsse die postmoderne und vermeintlich feministische Politik einher brachte: Die Vorstellung es gäbe einen geschützten Raum innerhalb eines ausbeutenden und patriarchalen Systems. So kommen Menschen doch ernsthaft auf die Idee Räume auf Partys als sicher zu benennen. Sicher vor was? Gemeint sind selbstverständlich Übergriffe. Diese Räume dürfen dann ausschließlich von FINTA betreten werden. Die angewandte Statistik ist simpel: Männer sind statistisch häufiger für gewalttätige oder sexualisierte Übergriffe verantwortlich. Räume ohne sie, sollten damit seltener ein Tatort sein. So weit so klar. Doch wie soll es weitergehen? Müssen damit nicht auch antirassistische Räume etc. errichtet werden? Wie sieht eine Hausparty aus, auf der sich alle wohlfühlen? 20 Räume für aktuelle 20 bekannten Diskriminierungsarten? Und wenn ja, darf ich den Raum „frei von Klassismus“ mit allen Bonzen darin abfackeln?

Das Problem ist selbstverständlich nicht, dass es FINTA-only Räume gibt. Das Problem sind auch nicht die Tees, Tampons und Schokoladensorten, die dort auf die Personen warten und Trost und Auszeit von einer patriarchalen Welt bieten sollen. Aber da sollte man sich schon fragen: Verarschen wir uns da nicht? Und wer baut diese Räume auf? Es sind meist unterdrückte Geschlechter selbst, die dieses Konzept entwerfen und ihre politische Arbeitszeit investieren. Wofür? Um sich gegenseitig die Lüge zu erzählen, sie seien sicher. Das ist eine Entpolitisierung. Es ist nämlich kein Zufall, dass Queerpartys und generell „queere Communities“ politische Inhalte immer weiter verdrängen. Anstatt sich klassenkämpferisch oder antifaschistisch zu positionieren, sind linke Theorien durch Aware-Theorien und kinky-Mottos ersetzt worden. In vielen Städten findet sich kein politischer Anspruch in Queergruppen, es ist längst kein Geheimnis mehr, dass sich auch Rechte in den Kreisen aufhalten können, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Eine Peinlichkeit und Tiefschlag für Jahrzehnte-lange Kämpfe queerer Revolutionär:innen.

… zu Politik

Was vermeintlich auf einer Party funktioniert, nimmt dann gerne auch in manch einem Plenum Platz ein. Dieses wird dann aware gestaltet und auf alle Bedürfnisse zugeschnitten. Das darf an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden: selbstverständlich muss ein politischer Raum einer sein, in dem sich alle Menschen willkommen fühlen, die radikale Politik betreiben möchten. Selbstverständlich darf dieser Raum keinen Platz für patriarchales oder rassistisches Verhalten haben. Jedoch ist es immer noch ein Raum in unserer Gesellschaft – zu denken, er wäre frei von Unterdrückung ist eine Verleumdung. Es gibt keine Safspaces. Und wird der Raum gewiss auch nicht freier durch die absurden Vorstellungen von Individualpolitischen, die die verrücktesten Moderations-, Gefühls- und Kommunikationskonzepte verlangen. Was sie erschaffen, ist nur eine weitere linke Szeneideologie, die in einem Moralismus mündet: Das Treffen wird immer nischiger gestaltet, immer schwerer zugänglich und durch absurde Regeln und Moralvorstellungen dekonstruiert. Die Arbeiter:innen dürfen nach ihrem Ausbeutungstag im Plenum erst einmal 6 neue Handzeichen lernen, wie sie gewaltfrei und aware kommunizieren, um dann Politik zu machen, die alles andere als ihre Befreiung im Sinn hat. Stattdessen wird immer weniger ernsthafte Politik vorangebracht; anstatt sich dem Klassenkampf zu widmen, verrennen sich diese Gruppen in die Vorstellung diskriminierungsfrei zu sein, sie verstehen sich als moralische Menschen, die der unmoralischen Welt arrogant gegenüberstehen. Sie verurteilen die Arbeiter:innen und applaudieren sich Plenum für Plenum selbst, für das tolle Miteinander. Aber dieses Miteinander ist in Wahrheit alles andere als aware: es ist nämlich oftmals unsolidarisch. Man cancelt sich, weil jemand „Schwachsinn“ sagt und das Nazisprache ist; weil jemand ein ACAB T-Shirt trägt und das falsch sei; weil es „Gewaltausübender“ und nicht „Täter“ heißt. Wann haben sie vor wieder Politik zu machen?

Verbindlichkeit statt Befindlichkeit

Die Gerüchte sind war: es soll Menschen geben, die nicht Politik machen, um sich wohlzufühlen. Es soll Menschen geben, die ernsthaft Politik machen, um Dinge zu verändern, um die Umstände zu bekämpfen. Menschen, denen es aufgrund der Unterdrückung im Kapitalismus scheiße geht, die deswegen noch mehr Laster auf sich nehmen, um das System loszuwerden. Diese Hardcore-Kommunist:innen scheuen dabei nicht einmal davor zurück, täglich Zeit in Gruppen und Organisationen zu stecken. Sie begehen tagtäglich Grenzüberschreitungen: an ihnen selbst. Sie springen über ihren Schatten, um bei Infoveranstaltungen neue Menschen zu gewinnen. Sie missachten ihre Comfortzone um im revolutionären Kampf politische Ziele zu erreichen und gehen dabei enorme Risiken durch Repression und Gewalt ein. Fast so, als würden sie es ernst meinen. Als würden sie die Politik nicht für sich, sondern für ein Ziel machen. Ganz anders gestalten andere Kreise ihre Politik: ein Treffen soll ein Rückzugsort, ein Safespace, ein Befindlichkeitsort sein. Das soll nicht heißen, dass nur Politik, bei der man auch mal leidet, ernsthafte Politik ist. Gemeint ist aber, dass Widerstand gegen ein System und radikale Veränderung niemals nur in Wohlfühlrahmen stattfinden kann. Radikale Politik wird sich niemals gut anfühlen, wir können und sollten dabei natürlich langfristig und schonend mit Genoss:innen umgehen, aber zu denken, die Politik würde uns nichts abverlangen ist eine falsche Illusion. Lasst uns Befindlichkeitsgrenzen überschreiten und dem Patriachat und dem Kapitalismus ernsthaft den Kampf ansagen.

Gradwanderung

Wo ist also die richtige Abwägung zwischen solidarischem Umgang und Awareness-Wahn? Es ist wirklich ganz simpel: wir müssen uns nur fragen, wann das Awarenesskonzept unserer Politik nützt und wann der Grad überschritten ist und die Politik nur noch der Awareness nützt. Einen Raum zu schaffen, indem wir uns über Gefühle unterhalten können, fällt beispielsweise ganz klar in den Bereich der Awareness-Arbeit, die unserer Politik nützt: wir festigen dabei Genoss:innenschaftlichkeit, lernen uns und unsere Laster kennen, können füreinander da sein und damit langfristig und gemeinsam Politik machen. Ganz anders sieht es beispielsweise mit Abschottunsgräumen aus: eine Aufteilung von Gruppen nach Geschlecht oder Hautfarbe, die unabhängig ohne Absprachen agieren, hemmen die Politik, es verbrennt Ressourcen, verringert Schlagkraft und spaltet Kämpfe. Solche Identitätspolitik nützt radikaler Politik nicht, sondern schwächt sie. Genauso müssen wir uns bei jeder Regel, die in Treffen oder Organisationen eingeführt werden soll, fragen: wird sie unsere Zusammenarbeit stärken oder verkomplizieren und damit unzugänglich und auch moralistisch gestalten. Es ist schlicht nicht unsere Aufgabe einander zu bewerten und unsere Awareness zu loben, uns moralisch zu messen und abzuschotten, sondern die Welt zu verändern. Dabei steht das A in Antifa eben manchmal für Aushalten, nicht für Awareness.

Kein Text ohne Kapitalismuskritik

Es scheint Menschen immer noch zu überraschen, aber ja: der Kapitalismus eignet sich alles an. Auch linke Theorie. Der Kapitalismus vermarktete Feminismus, er vermarktete Queerness und er wird auch Awareness vermarkten. In Startups, die von flachen Hierarchien faseln, fassen auch Awarenesskonzepte Fuß. Neben dem Firmen-Yoga und Obstkörben werden es auch Befindlichkeitskonzepte sein, die dort ihren Platz und ihren Nutzen finden werden. Denn es nützt dem Kapitalismus Arbeiter:innen auch noch durch vermeintliches emotionales Interesse an die Ausbeutung zu binden und damit besser ausbeuten zu können. Da kann man sich nur auf die erste queer-awarenes-party-crew aus Berlin freuen, die ihre Konzepte an Firmen verkauft und Schulungen von Führungsebenen anbietet, um die Ausbeutung der Arbeiter:innen angenehmer zu gestalten. Das hat der Entpolitisierung gerade noch gefehlt. Da kann man nur hoffen, dass sie vorher zu viel MDMA nehmen.

In der Antifa nix Neues – Die Geschichte des deutschen Antifaschismus (und was man daraus lernen könnte)

March 18th, 2023 by annaruhtra

Antifaschistischer Widerstand hat trotz des deutschen Nationalsozialismus eine lange Geschichte in Deutschland. Gerade Kommunist:innen kämpften unerbittlich gegen reaktionäre und faschistische Bestrebungen und prägten dabei bis heute die Kultur und Aktionen „der Antifa“. Immer wieder standen sie vor Herausforderungen und Widersprüchen, immer wieder wiederholten sich aber auch Grundprobleme, wobei eine historische Analyse auch heutigen Aktivist:innen helfen könnte, Klarheit und Strategie zu erlangen. Lasst uns also aus der Vergangenheit lernen, und Schlüsse daraus ziehen.

Ab 1914: Es beginnt mit dem Verrat der SPD

Die anfängliche Kriegseuphorie in Deutschland beginnt zu kippen, da gerade die Arbeiter:innenpartei der damaligen Zeit (SPD) immer wieder für große Enttäuschungen in der Arbeiter:innenklasse führt. Ihre Anti-Kriegspolitik mit großen Demonstrationen und Widerstand gegen den ersten Weltkrieg wandelt sich, zum Erschrecken der Linken, in eine befürwortende Kriegspolitik. So stimmt die SPD 1914 mit 96:14 Stimmen für Kriegskredite und damit für den Krieg. Zusätzlich verzichtet die Partei auf Lohnforderungen und unterstützt mit staatlicher Zusammenarbeit Streikmaßnahmen, die noch mehr die Rechte der Arbeiter:innen beschneiden sollen. In die Geschichtsbücher geht diese Zeit des Verrats als Burgfriedenspolitik ein – es ist aber zugleich der Beginn des reaktionären Wachstums gegen eine deutsche Revolution. Der Linke Flügel innerhalb der SPD ist schockiert über die reaktionäre Verbrüderung und Verratspolitik, sodass er sich 1917 abspaltet. Daraufhin gibt es zwei SPD‘n: die Mehrheits-SPD (MSPD) und die unabhängige SPD (USPD) – letztere beinhaltet Revolutionär:innen, wie etwa der marxistisch-sozialistische Spartakusbund, eine Gruppe rund um die bekannten Held:innen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Zeitgleich beginnt in Russland die Revolution, was auch einen Aufschwung der streikenden und revolutionären Bestrebungen in Deutschland bedeutet. Zusätzlich lässt sich dies auch auf große Unzufriedenheit und Not in der Bevölkerung zurückführen. Nichtsdestotrotz bleibt ein revolutionärer Umschwung aus und in der voranschreitenden Niederlage des deutschen Heeres, wird schließlich durch die „Dolchstoßlegende“ der Versuch gestartet, auch gegen die SPD Stimmung zu erheben. Trotz der Inszenierung, die SPD hätte das deutsche Heer verraten und wäre schuld an den Niederlagen, erleben die beiden SPD einen Aufschwung: Nach einem geplanten Angriff auf die britische Flotte erhebt sich ein Matrosenaufstand, der in eine Streikwelle mündet. Infolgedessen flieht der Kaiser und die SPD’n erlangen wieder an größerer Bedeutung. Es gelingt lokale Räterepubliken auszurufen und der Wunsch nach einer deutschen Republik (MSPD) oder Räterepublik (USPD) wächst. Einerseits gründet sich 1918 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) aus unteranderem dem Spartakusbund, dennoch werden Streiks durch Freikorps immer weiter niedergeschlagen und auch das Streben der MSPD nach einer verfassungsgebenden Nationalversammlung bremst die Revolution maßgeblich aus. 1919 kommt es zur Nationalversammlung, nachdem beim „Spartakusaufstand“ 165 Revolutionär:innen kaltblütig durch die Kräfte der MSPD ermordet wurden. Darunter fielen auch die Vorreiter:innen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – das bedeutete den endgültigen Bruch zwischen Sozialdemokratie und Revolutionär:innen. Während die MSPD mit Blick auf Russland eine Gefahr durch Linke wittert (anstatt durch Rechte) ermorden sie die fortschrittlichsten Köpfe des deutschen Revolutionsversuchs. Zwar kommt es zur Nationalversammlung und sie verabschiedet mit Mehrheit die Weimarer Verfassung, jedoch ist diese geschrieben im Blut der Revolutionär:innen und Tränen einer verratenen Klasse, die weiterhin auf den Straßen um Freiheit kämpft. Arbeiter:innen-Organisationen und auch die Münchner Räterepublik werden weiter zerschlagen, dabei gelingt der Hieb durch die von der Regierung aufgebauten und gesteuerten Freikorps, welche auch die Taktiken für SS und SA vordachten.

Ab 1920: Das Aufkommen des deutschen Faschismus

Die rechten Kräfte erlangen immer mehr Macht und Strebungen, wie etwa der Kapp-Lüttwitz-Putsch können einerseits durch Glück, andererseits aber auch durch das Ausbrechen des größten Generalstreiks der deutschen Geschichte abgewendet werden. Der Streik endet allerdings in der Zerschlagung der Roten Ruhrarmee, welche den Putschisten entgegenstand. Es beginnt eine Zeit der rechtsextremen Attentate wie beispielsweise der Ermordung linker oder jüdischer Politiker (z.B. Unterzeichner des Vertrags von Rapallo, welcher die Sowjetrepublik anerkannte). Die Formierung des Faschismus in Italien lässt zudem deutsche Rechte nach vorne schauen, sie werden siegen und der Antifaschismus, welcher hier erstmalig ein Begriff wird, wird versagen. Entscheidend ist dabei das Schicksalsjahr 1923 in dem belgische und französische Truppen aufgrund von Reparationslieferrückständen das Ruhrgebiet besetzen. Als ein Rechter, der dieser Besetzung entgegenstand, erschossen wird, beginnt um diesen Albert Leo Schlageter ein Märtyrer-Kult, der auch vor der KPD keinen Halt macht. Diese muss sich dringlichst zum Faschismus positionieren und kämpft mit diversen Sichtweisen. Berühmt wurde eine Rede von Karl Radek, in dem er nationalistische Parolen bedient und Schlageter als Helden instrumentalisieren möchte. Dennoch gibt es auch klar fortschrittliche Analysen, wie etwa Clara Zetkins Beurteilung, der Faschismus sei „keineswegs die Rache der Bourgeoisie dafür, dass das Proletariat sich kämpfend erhob. Historisch objektiv betrachtet, kommt der Faschismus vielmehr als Strafe, weil das Proletariat nicht die Revolution, die in Russland eingeleitet worden ist, weitergeführt und weitergetrieben hat“. Im selben Jahr ruft die KPD auch den Antifaschisten-Tag aus (29. Juli 1923) aus, um gegen Rechts zu mobilisieren. Aus der breiten Arbeiter:innenklasse wollen sie eine Kraft gegen Faschismus und Kapitalismus erzeugen. Die Faschist:innen formieren sich weiter und auch die weiteren Analysen der KPD wie etwa Hermann Remmeles Rede, der Faschismus sei „das Instrument der Bourgeoisie gegen das revolutionäre Proletariat“ oder Stalins Ergänzung „Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus […] es sind Zwillingsbrüder“ können dem rechten Aufschwung nicht entgegen wirken.Tatsächlich wird Stalins Sozialfaschismusthese den tiefgreifenden Keil zwischen SPD und KPD betonen. So verhindert es weiterhin eine Einheitsfront zwischen den Arbeiter:innenparteien, infolge dessen sich ein stark reaktionär-konservativer Trend in den Reichtagswahlen (34% für rechtsbürgerliche Parteien) zeigt und auch im neuen Reichspräsidenten (Paul von Hindenburg) wiederspiegelt. Aber auch linke Philosophie und Theorie entwickelt sich weiter. Beispielsweise die aus dieser Zeit stammende Faschismustheorie von Georgi Dimitroff hält sich bis heute und klärt: bürgerliche Demokratie kann in Faschismus umschwingen, es sind zwei Varianten des Kapitalismus, er ist das Fundament. Parallel gibt es noch anhaltenden Widerstand, wie etwa der paramilitärische Schutz der KPD „Rotfrontkämpferbund“ oder anarchistische Widerständler:innen („Schwarze Scharen“). Sie erleben große Niederlagen, der Rotfrontkämpferbund wird nach dem „Blutmai“, wo er angegriffen wurde, verboten. Auch der „Kampfbund gegen den Faschismus“ rund um Ernst Thälmann steht den wachsenden Stimmen der NSDAP und dem rechten Straßenterror von  SA, SS, Stahlhelme und Organisation Consul vehement entgegen. Dennoch ist es eine Organisation der SPD, das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, das in dieser Zeit die größte politische Massenorganisation der Weimarer Republik stellt und sich durch freie Gewerkschaften und Sportverbände aber strikt ohne die KPD aufstellt. Nach weiteren Gewaltausschreitungen ruft die KPD am 25. Mai 1932 die „Antifaschistische Aktion“ aus – bis heute namengebend für antifaschistische Politik. Sie fordern einen roten Massenselbstschutz und eine Einheitsfront, in der auch der Kampf gegen den Kapitalismus gelingen soll. Während die SPD die Mitarbeit verbietet, können wir trotz des kommenden deutschen Faschismus Erfolge der Antifaschistischen Aktion benennen. So erlangte sie eine große Streikwelle und senkte die NSDAP-Stimmen in geringem Maß. Dass es dennoch zum Faschismus kam, hat viele Ursachen: Man könnte sich streiten, ob die faschistische Struktur nach dem Preußenschlag schon zu weit vorangeschritten war oder die Feindschaft und Gegensätze der Arbeiter:innen-Parteien den Sieg des Widerstands verhinderten. Nichts desto trotz war es auch die mangelnde Erfahrung und die Differenzen in der Bewegung von Arbeiter:innen, die eventuell verantwortlich waren, dass der Antifaschismus scheiterte.

Ab 1933: Zeit des Nationalsozialismus

Nachdem die NSDAP eine Diktatur unter dem Reichskanzler Adolf Hitler errichtete und mit Reichstagsbrandverordnung, Ermächtigungsgesetz und Einparteienstaat das dunkelste Kapitel des deutschen Antifaschismus einläutete, sollte sich auch ein weiterer Schrecken des Faschismus zeigen: Sein Expansionscharakter. Während Ernst Thälmann noch warnte „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“, kam es auch schon zum zweiten Weltkrieg. Neben wenigen möglichen Widerstandsformen (darunter die Weiße Rose, Rote Kapelle, Edelweißpiraten, Kreisauer Kreis, Georg Elser, Schwarze Scharen und Swing-Jugend), bedeutete es die Zeit von massenhafter Ermordung von Kommunist:innen und andere Widerständler:innen oder das Leben im Untergrund, Exil oder Gefängnis.

Nach 1945: Zwei Deutschlands, zwei Antifaschismen

Nach der Kapitulation des Nazi-deutschen Reichs und der Teilung Deutschlands (BRD/DDR) einte linke Kräfte zwar die Niederlage und Faschismuserfahrung, die neuen Herausforderungen wir Aufarbeitungsarbeit der Gräueltaten, Empathie mit den Opfern, und das Fortleben von Antisemitismus und Rassismus in einer Gesellschaft geprägt vom Opfermythos, jedoch zeigten sich auch klare Unterschiede von antifaschistischer Arbeit abhängig von Ost- oder West-Deutschland.

  • BRD

In Westdeutschland erlebten Linke erst einen vermeintlichen Antifaschismus durch das Grundgesetz und die Ewigkeitsklausel, jedoch entpuppte sich schnell die antitotalitäre Politik in Zuge des Kalten Krieges gegen die UdSSR mit reaktionären Bestrebungen in Westdeutschland wie etwa das Verbot der KPD (1956), der Einführung des Verfassungsschutz, das Landesverratsgesetz und einer nicht stattfindenden und stark mangelhaften Entnazifizierung mit stattdessen klarer antikommunistischen Stimmung. Für den Widerstand bedeutete das, auch in diesem System nicht auf den Staat vertrauen zu dürfen.

  • DDR

Auch in der DDR gelang die Entnazifizierung nicht, sie wurde allerdings ernster versucht. Gerade auch weil Antifaschismus das größte politische Ideal in der DDR darstellte und als Abgrenzungsinstrument zum Westen galt, sowie Innen- und Außenpolitik prägte. Dennoch stand in der DDR fest: für antifaschistische Bewegungen außerhalb der SED und FDJ gibt es weder Daseinsberechtigung noch Duldung, sie wurden massiv unterwandert und zerstört.

Verschiedene Ansätze

Im Nachkriegs-Deutschland gab es verschiedene antifaschistische Ansätze, die zeitgleich existierten und in das Zeitalter der berüchtigten Autonomen Gruppen einführten. Diese Vorläufer werden auch gerne als traditionelle Antifaschist:innen bezeichnet, die institutionalisiert, proletarisch oder vom Faschismus direkt betroffen arbeiteten.

  • VVN(-BdA)

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) gründete sich aus Überlebenden des Holocaust, darunter vielen Jüd:innen, Kommunist:innen aber auch andere Widerständler:innen. Mit dem Schwur von Buchenwalt („Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig. – Wir schwören.“) fordern sie bis heute das Ende des (Neo-)Nazismus. Trotz vieler Kriminalisierungskampagnen waren sie es, die maßgeblich Gedenkkultur und Gedenkstätten, Entschädigungszahlungen und Geschichtsvermittlung voranbrachten. Weitere Meilensteine waren der Protest gegen den Zyklon B Hersteller „I.G. Farben“ und die Kampagne „noNPD“. Sie ergänzten ihren Namen um „Bund der Antifaschist:innen“ (BdD) zur Repräsentation neuer Mitglieder, dennoch verloren sie an Bedeutung durch autonome Bewegungen und gelten heute als verfassungsfreundliche, ältere Widerstandbewegung, die eine unersetzliche Expertise in Geschichtsaufarbeitung stellt.   

  • KPD und DKP

Die KPD wurde 1956 verboten, konnte aber illegal im Untergrund weiterbestehen und es gelang eine Art Nachfolger-Partei (DKP) ins Leben zu rufen, die bis heute besteht, allerdings wenige Erfolge zu verzeichnen hat. Sie sind streng marxistisch-leninistisch und berufen sich auf die Notwenigkeit einer kommunistischen Partei.

  • K-Gruppen

Die K-Gruppen waren oftmals junge Gruppen, die sich ab 1968 aus der Auflösung des SDS bildeten. Sie einte der oft maoistische Ansatz einer revolutionären Realpolitik, die klar antifaschistisch, antiimperialistisch und antikapitalistisch sein sollte. Gegen Staatsvertrauen und gewaltoffen waren sie einzeln aber auch in Bündnissen aktiv. Nach der Erschießung Benno Ohnesorgs, ein Student auf einer Demo 1970, lösten sich Massenproteste aus, die in einer Präfaschismustheorie mündeten. Diese Faschisierungsthese vertraten die K-Gruppen, welche bedeutete, dass ein neuer Faschismus bevorstünde. Diese Schlussfolgerung verursachte den Verlust von Anschlussfähigkeit und eine Isolation aus gesamtgesellschaftlichen Kontexten. Die K-Gruppen hatten damit oftmals wenig Probleme, da ihr Ziel keine Politik für eine breite Gesellschaft, sondern für den Sozialismus war. Die K-Gruppen zerbrachen schließlich an internen Differenzen, wie Antisemitismus, Streit um Strukturen und Organisation aber auch an politischen Positionierungen: Die Wiedervereinigung stellte für einige einen späten Sieg des Nazi-deutschen Reichs dar (Gründung der „Antideutschen“) während andere es als den richtigen Schritt interpretierten.

Die Autonomen

In Italien formierten sich Autonome ab 1960 in einer proletarischen Organisation, während in Deutschland die autonomen Gruppen fern der Arbeiter:innen-Bewegung waren. Ab 1970 entwickelten Autonome sich aus unterschiedlichen Gruppen, wie etwa der K-Gruppen aber auch aus der Sponti-Bewegung, die oftmals theorie-avers, antiautoritär und spontan arbeitete und damit den K-Gruppen nicht nur im Verhalten aber auch in Aktionsformen (Hausbesetzungen) widersprach. Letztlich kamen auch Autonome aus dem Bereich neuer sozialer Bewegungen – darunter fallen Gebiete, die wir auch heute sehen, wie Bewegungen zu Anti-Atomkraft, Frieden, Umweltthemen, Jugendzentren, Feminismus und Rechte für Schwule und Lesben. Zunächst setzen die Autonomen klar an dem spontanen Erbe der Sponti-Bewegung an und betrieben maßgeblich Fahndungsantifaschismus. Sie waren es, die Einzeltäterthesen und Amoklauf-Verharmlosungen eine erfolgreiche Recherchearbeit entgegensetzen und damit rechte Strukturen und Anschläge entlarvten. Aber auch viele Rückschläge hatte diese Bewegung zu verkraften: immer wieder kam es zu Toten auf Demonstrationen. Darunter Olaf Ritzmann (1983), was die Gründung des Norddeutschen Antifa-treffen hervorbrachte. Im Oktober desselben Jahres, beim NPD-Bundesparteitag in Fallingbostel, erschienen die Autonomen vielen erstmals. Dort wollten sie nicht 30km entfernt mit DGB und VVN protestieren, sondern Blockaden errichten. Infolgedessen kam es zu Kriminalisierungskampagnen, Verfassungsschutzbeobachtung, starke Vernetzungen aber auch einem Bruck mit dem Kommunistischen Bund. 1985 fordern Repressionen erneut einen toten Demonstranten, Günter Sares, es folgen starke Solidarität und Ausschreitungen in Deutschland, aber auch dem Ausland. Doch der größte Aufschrei autonomer Politik sollte am 2. November 1987 folgen: Bei einem Umweltprotest zum Flughafen Startbahn-West erschossen Autonome zwei Polizisten. Es folgte eine Repressions- und Spaltungswelle, Isolation und Zerfall von Strukturen. Die berühmte Gewaltfrage war allgegenwertig. 

Nach dem Mauerfall und dem „kurzen Jahr der Anarchie“ in Ostdeutschland, folgten harte 90er Jahre des rechten Terrors, die Baseballschlägerjahre. Nach dem mäßigen Erfolg des „Nie wieder Deutschland“ Bündnis 1989, kristallisierte sich dennoch ein Ausblick antifaschistischer Politik. Um von Isolation und Unbedeutsamkeit zu entkommen, sollten neben vermehrter Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, Bündnisarbeit der Weg der Antifa werden. Bekannteste Strukturen waren ab 1992 die Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) und das Bundesweite Antifa Treffen (BAT). Auch diese zerlegten sich an Streitigkeiten über Hierarchien, Öffentlichkeitsumgang und den Ost-Umgang. Die parallele Zuspitzung rechter Gewalt mündete in Festival-artigen Anschlägen und Terrorattacken. Genannt und gedacht sei hier den Opfer der Pogrome von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen. Neben den randalierenden Nazis, war aber auch die Regierung rechtsgestimmt und „schütze“ die Asylbewerbenden, welche Ziel rechter Anschläge waren, durch ein strengeres Asylrecht. Wir können hier von einer Täter-Opfer-Umkehr sprechen.

Spaltungen und Postautonomie

Antifaschistische Gruppen erlebten auch inhaltliche Spezialisierungen, so waren es migrantisch geprägte Gruppen, die sich explizit mit Rassismus auseinandersetzten (Antifaşist Gençlik) oder Fantifa-Gruppen, die feministische Theorie und Arbeit voranbrachten. In einer Zeit in der sich Antifaschismus als Jugendgegenkultur etablierte und gleich einer Marke oder Partylocation verkauft wurde, machten sich auch individualistische Politik Ansätze breit, die sich in den 2020er zuspitzen werden. Zu beginn der 2000er Jahre kam es allerdings zunächst zur Gründung von bürgerlichen, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Ansätzen – das NPD-Verbotsverfahren scheiterte trotzdem Dank des Verfassungsschutzes.

  • Antideutsche

Die linksradikalen Gruppen zerstritten sich zudem über Theorie: Antideutsche und Antiimperialist:innen standen sich entgegen. Während Antideutsche wie bereits geschildert gegen die Widervereinigung standen, war es auch der Nahostkonflikt, der sie abgrenzte. Sie stehen bis heute in großer Solidarität zu Israel als Schutz von Jüd:innen. Dabei positionieren sie sich auch Islam-kritisch und Luxus-positiv. Sie empfangen Rassismus-Vorwürfe und verloren auch Anhänger:innen an das rechte Milieu. Dennoch verzeichnen sie auch viele Analysen und können oftmals anknüpfend an Horkheimer, der Frankfurter Schule und Adorno Faschismustheorien spezialisieren.

  • Antiimperialist:innen

Antiimerialist:innen stehen oft strikt entgegen dem amerikanischen Imperialismus und dem Staat Israel in proletarischer Solidarität mit den palästinensischen Gebieten – darauf folgen oft Vorwürfe von Antisemitismus, die sich in Zeiten des Jugendwiderstands (ehemalige Berliner Gruppe) zuspitzten und bestätigten. Antiimperialist:innen wird oftmals nachgesagt Befreiungskämpfe zu schnell zu befürworten ohne Nationalismus zu reflektieren und zu starr an der Faschismustheorie von Dimitroff nachzuhängen.

Heute

Immer mehr wurde den Autonomen bewusst, dass ihre Politik sie in Isolierung treibt, weswegen eine Erweiterung der Themenfelder, mehr Bündnispolitik gefordert wurde. In Bündnissen wie der Interventionistischen Linken (IL) oder Ums Ganze! zeigen sich beispielsweise postautonome teils marxistische Ansätze. Parallel gibt es auch rein kommunistische Ansätze, die im Erbe des Marxismus-Leninismus an kommunistischen Parteien arbeiten und noch stärker bundesorganisiert vorgehen als diese Bündnisse. Auch lokalere Antifa-Bündnisse bestehen über Landesgrenzen bis heute, sowie städtespezifische Bündnisse, die kampagnenbasiert oder themenübergreifend arbeiten.

Der Widerspruch zwischen Antideutschen und Antiimperialist:innen scheint sehr langsam aber stetig an Bedeutung zu verlieren, Widersprüche zwischen kommunistischen und anarchistischen Gruppen bestehen weiterhin und hinzu kommt ein Konflikt zwischen Gruppen, die identitätspolitisch oder klassenpolitisch arbeiten. Gemeint sind Gruppen, die sich beispielsweise auf eine gemeinsame Identität berufen (BIPOC-Gruppen, queerfeministische Ansätze) und Gruppen, die den Klassenkampf vorantreiben wollen und Unterdrückung nicht auf reine Identität (race, Geschlecht, Sexualität) zurückführen, sondern auf kapitalistische Ausbeutung, die sich in Form von Überausbeutung (nach Klassenzugehörigkeit und race/Geschlecht) zuspitzt. Was nach einer Detailfrage oder Henne-Ei-Problematik klingt, ist ein deutlicher Unterschied in Theorie wie Praxis: Ob sich Diskriminierungserfahrungen addieren lassen und anhand von Privilegien mit einer oftmals Herauskürzung von Antikapitalismus abwägen lassen (Identitätspolitik) oder ob eine kapitalistische Ausbeutung in Überausbeutung von marginalisierten Gruppen mündet und nur das Ende des Kapitalismus für Befreiung sorgen kann (Klassenpolitik), bedeutet massive Widersprüche im Kampf um Emanzipation. Bleiben wir gespannt, wie sich dieser Widerspruch entladen wird und ob er den Tod der radikalen Linken endgültig manifestieren wird.

Fazit

Wir sahen die Grundprobleme, die sich historisch wiederholten: Die Gewaltfrage, gebündelt mit der Gefahr von Isolation, die Befreiungsansätze aus dieser durch breitere Bündnisarbeit, die wiederum oftmals in Brüchen und Verrat mündeten, durch beispielsweise bürgerliche Parteien. Neben diesen strategischen Wandlungen, sind aber auch taktische Veränderungen zu erkennen: während viele Autonome in Anonymität und Unkenntlichkeit arbeiten, und dies teilweise bis heute tun, kommt es gerade in kommunistisch angehauchten Antifa-Bewegungen zum Versuch von Öffentlichkeitsarbeit, in der Massenpolitik und Positionsbekennung auch mit Gesicht- oder gar Struktur-Bekennung einhergeht. Dieser Text soll diese verschiedenen Ansätze nicht wertend beleuchten, aber auffordern zu überlegen: was können wir lernen, was können wir aus der Geschichte schließen, welche Fehler müssen wir nicht unbedingt wiederholen. Denn wenn wir uns etwas nicht leisten können, dann sind das Fehler. In Zeiten von Reichsbürgern im Untergrund, hohen AfD-Stimmen, verschwindenden Waffen bei der Bundeswehr und Nazi-Strukturen in Staat und Polizei ist keine Zeit für falsche Ansätze. Dennoch scheint die antifaschistische Bewegung schwächer denn je: der Isolation und Ohnmacht scheint keine Strategie entgegenzuwirken, das gesamtgesellschaftliche Klima zeigt sich unbeeindruckt und oft drehen sich Aktivist:innen in immer gleichen Bahnen. Der Begriff Aktivist:innen ist dabei eine bewusst gewählte Beleidigung: wir leben fern ab von einer Zeit des roten Massenselbstschutzes, fern von proletarischen Massenstreiks, Widerständler:innen und Kommunist:innen – stattdessen in einer Zeit des Aktionismus, der kurzlebigen Kampagnen und Ausweglosigkeit. Lasst uns damit brechen, lasst uns weiter analysieren aber auch schlussfolgern: wir müssen weg von der Antifaschistischen Aktion wie sie momentan besteht, hin zu dem, wofür sie mal stand.

Auszug: Repressionen sind uncool

March 17th, 2023 by annaruhtra

Gerade viele Männer neigen dazu, sich von den Rückschlägen und Tiefpunkten der eigenen Politik, unberührt zu zeigen. Egal ob Repressionen, politisches Scheitern, körperliche Auseinandersetzungen mit Polizei oder Faschist:innen – wir müssen unseren negativen Gefühlen aufgrund dessen einen Raum geben. Dieser Raum muss ein kollektiver, ein ehrlicher und ein gefühlsvoller sein. Die Konsequenz, sich unberührt, cool oder distanziert zu zeigen oder sich gar mit Repressionen und anderen Schlägen zu brüsten, erschafft ein Klima in dem Trauer, Wut und Verzweiflung in eine individuelle und private Sphäre gedrängt werden, ein Klima, das sowohl der Genoss:innenschaftlichkeit aber auch langfristiger und gesunder Politik entgegensteht.

Genoss:innenschaftlichkeit und Kollektivität – Worte der Notwendigkeit

March 17th, 2023 by annaruhtra

Die revolutionäre Notwendigkeit von Genoss:innenschaftlichkeit und Kollektivität ist unumstößlich. In einer Welt, die von Individualismus und Konkurrenzdenken geprägt ist, braucht es diese Alternative. Genoss:innenschaftlichkeit und Kollektivität sind die Gegenmittel zu der gesellschaftlichen Krankheit. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Genoss:innenenschaften und kollektive Initiativen oft die einzige Möglichkeit waren, um die Bedürfnisse der Unterprivilegierten zu befriedigen. Arbeiter:innen, Kleinbbäuer:innen, Frauen sowie sozial Benachteiligte haben sich zusammengeschlossen, um ihre Interessen zu verteidigen. Es ist an der Zeit, dass wir diese Lektion wieder aufgreifen und in die Tat umsetzen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um den Mächtigen Paroli zu bieten und uns gegenseitig zu unterstützen. Die revolutionäre Notwendigkeit von Genoss:innenschaftlichkeit und Kollektivität ist nicht nur eine Frage des Überlebens, sondern auch der Menschlichkeit. Wir müssen uns entscheiden, ob wir eine Gesellschaft wollen, die auf Solidarität und Zusammenarbeit basiert oder eine Gesellschaft, die auf Ausbeutung und Konkurrenzdenken beruht. Wenn wir aktiv werden, begegnen wir uns in politischen Gruppen auf Plena, Veranstaltungen und Aktionen. Dabei müssen uns aufeinander verlassen können, zusammenarbeiten trotz verschiedener Hintergründe und Lebensrealitäten. Ein Gefühl der Gemeinschaft aufzubauen ist fundamental, um langfristig, gesund und effizient Politik zu machen. Solidarität muss organisch wachsen und kann nicht erzwungen werden.

Belastung

Stets wird festgestellt „das Private ist politisch“ – doch wer gibt in seiner Politik Raum für Liebeskummer, Prüfungsängste oder finanzielle Sorgen? Wie können wir erwarten, dass Menschen sich uns anschließen, wenn unsere Politik ihre persönlichen Struggle schlicht und einfach nicht im Blick hat? Wie können wir erwarten, dass Menschen, die im Kapitalismus leiden, die Zeit und Kraft finden, zusätzlich für die Politik und Überzeugung zu arbeiten? Denn zu den persönlichen Belastungen, ist die linksradikale Politik oft in erster Linie keine Befreiung, sondern eine Zusatzbelastung mit negativen Erfahrungen wie Repressionen, Gewalterfahrungen, Enttäuschungen, Niederlagen, Stress und Überforderung. Wir müssen diese Belastungen so gering wie möglich halten und kollektiv mit ihnen umgehen, da sie uns alle betreffen können aber auch da sie unsere Politik betreffen. Neben der Empathie zueinander muss es auch in unserem politischen Interesse liegen, so gesund und rücksichtsvoll wie möglich zu arbeiten, da nur das der Schlüssel ist, um langfristig aktiv sein zu können. Die meisten Aktivist:innen sind Jugendliche oder junge Erwachsene, das ist bedauernswert, da unsere politisches Engagement damit ein Ablaufdatum hat: oft ist es schon das Alter 30 in dem Menschen sich gegen den Aktivismus entscheiden (müssen). Damit einher geht ein enormer Verlust von Wissen, denn alle paar Jahre müssen Strukturen neu eröffnet werden, Skills neu erlernt werden, Themen reflektiert werden, weil erfahrene Genoss:innen nicht mehr in unseren Reihen sind. Eine zusätzliche Belastung und Ausbremsung. Wer es mit der Politik, der Revolution oder der Befreiung der Menschen aber ernst meint, sollte nur ein Interesse haben: Menschen in der Politik halten und das auch in schweren Zeiten. Schwere politische Zeiten aber auch im Privatleben der Personen. Und dafür gibt es nur einen Schlüssel: Das Privatleben als solches abschaffen, Genoss:innenschaften als enge Freundschaften führen, füreinander da sein, sich auffangen aber auch gezielt Sinn-stiftend arbeiten.

Sinnhaftigkeit

Viele Strukturen, darunter auch viele Antifa-Gruppen, arbeiten oftmals sehr Projektbezogen. Maximal gibt es Kampagnen über ein halbes Jahr. Langfristige Ziele mit Etappen und Prozessen sind eher eine Seltenheit. Diese Kurzlebigkeit, die auch in einer Kurzlebigkeit von Gruppen und Strukturen mündet, sorgt bei manchen Mitgliedern für eine Empfindung von Ohnmacht und Sinnlosigkeit. Selbstverständlich sind einmalige Aktionen oder kurze Kampagnen auch ein wichtiger Teil von politischer Arbeit und erbringen widerständigen Mehrwert in unserer Gesellschaft, dennoch braucht es ein großes Ziel, um am Ball zu bleiben und nicht nach 5 Kampagnen genug Repression und Stress oder eben einfach genug von Politik zu haben. Dabei liegt es auf der Hand, was die großen Ziele sind: antikapitalistisch, antipatriarchal, antirassistisch, antifaschistisch zu sein. An der Frage, was das heißt, müssen wir uns selbstverständlich orientieren. Dabei kann nicht mithilfe eines Treffens geklärt werden, welche Strategie gewählt wird, um Patriarchat/Kapitalismus zu stürzen. Der Ansatz, diese Frage aber auszublenden und Kampagnen bezogen von Plenum zu Plenum zu leben, bietet keine sinnstiftende Alternative. In einer wirklich unglaublich schlechten Netflix-Serie namens „Wir sind die Welle“ äußert ein Charakter: „Man sucht sich den größten Feind, den man finden kann, damit man ihn nie erreichen muss“. Obwohl die Serie die Darstellung von antifaschistischer Arbeit komplett verfehlt, scheint aber dieser Gedanke sich in Teilen linksradikaler Politik breit zu machen: wenn wir zu groß denken würden, wenn wir an großen Idealen festhalten würden, würden wir sie nicht erreichen. Aber das ist falsch und viel falscher ist der Umkehrschluss: man solle Politik machen, ohne das große Ganze im Blick zu haben, von kurzen Erfolgen leben und bloß keine großen Fragen stellen, wenn keine Antworten parat sind. Es darf aber nur einen Schluss geben: wir müssen die großen Fragen stellen, wir müssen versuchen die Antworten zu finden und jede Einzelaktion sollte uns dieser Antwort näherbringen aber auch dem großen Ziel. Das bewahrt nicht nur das Erbe von linker Theorie und lässt uns weitere Erkenntnisse und weitere (unverkürzte) Analysen liefern, sondern es ist auch maßgeblich sinn-stiftend. Natürlich erfüllt es einige Aktivist:innen von KüFa, über Sprayaktion hinzu Adrenalin bei der Demo zu leben. Natürlich brauchen nicht alle Menschen neben reinem Widerstand auch einen Sinn in ihrer Politik. Aber die Sinnhaftigkeit schweißt uns zusammen, lässt uns durchhalten und verhindert eventuell Ausstiege und Enttäuschungen. Denn beim Beantworten von großen Fragen dürfen Einzelaktionen scheitern, es darf Niederlagen geben und es wird sie auch geben, aber wir können nach vorne blicken: da ist etwas, da kommt etwas, und wir erkämpfen es. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht unsere Generation, aber die Widersprüche sind da, wir benennen sie und wachsen mit jedem Menschen im Prozess. Was kann also den Sinn bringen? Eventuell eine gemeinsame Theorie. Wer sich beispielsweise als Marxist:in versteht, weiß, dass es eine absolute Wahrheit gibt, dass Marxismus kein Lifestyle oder Überzeugung ist, sondern eine Wissenschaft, eine Analyse, die nicht nur ökonomische Fragen betrifft. Was der Marxismus zeigt, ist der Zusammenhang von Unterdrückungen, von Ausbeutung aber auch wie die Welt funktioniert. Das klingt zunächst wie ein Glaubenssatz, aber steht genau dem vehement entgegen: Durch das Berufen auf den dialektischen Materialismus, rechnet der Marxismus mit genau dieser spirituellen, esoterischen oder religiösen Fantasie ab. Er probiert nicht, Sinn zu stiften, durch die Idealisierung, durch Versprechen, durch ewiges Leben, sondern entgegnet dem, wie die Welt ist: materialistisch, endlich und naturwissenschaftlich. Dabei kann der Marxismus auch Hoffnung bringen, er benennt Widersprüche, er benennt die Krisen des Kapitalismus und auch sein kommendes Ende. Man muss aber nicht Marxist:in sein, um Analysen zu haben, die aufzeigen, dass Potential für Veränderung besteht. Auch Anarchist:innen, Syndikalist:innen Anarchokommunist:innen haben die Theorie und Praxis, um zu schlussfolgern: es muss nicht sein, wie es ist und wir haben es in der Hand.

Ohnmacht

Die Sinnlosigkeit in Politik kommt aber auch mit einem Symptom einher: der Ohnmacht. Wer ehrlich zu sich ist, merkt, dass die Antifaschistische Aktion kein roter Massenselbstschutz ist, keine proletarische Widerstandbewegung und auch keine befreite Kommune, sondern eine Jugendkultur. Wenn wir Glück haben eine Jugendgegenkultur. Diese Generation ist aufgewachsen im Kapitalismus, sah weder sozialistische Ansätze noch große Widerstandsbewegungen und lebt meist abgeschottet von denen, die davon erzählen könnten. Dagegen gilt es vorzugehen, denn wie lässt es sich gegen Umstände kämpfen, wenn wir keine Alternativen kennen? Wie können wir Hoffnung schöpfen, wenn der Kapitalismus und alle herrschenden Verhältnisse uns so unerschütterlich scheinen? Es macht sich lediglich eine Ohnmacht breit, es ließe sich nicht verändern. Dieser müssen wir aktiv entgegentreten: Wir brauchen Erfolge in unserer Politik, nicht nur für die Befreiung der Menschen, sondern auch zum Wachsen des Widerstandes und unserer jetzigen Genoss:innen. Wie bekommen wir Erfolge? In dem wir historische oder internationale Erfolge betrachten, aber auch in dem wir die Erfolge, die wir in unseren Gruppen haben, auch als solche benennen. Viele Antifa-Gruppen haben Strukturen für Vorträge, für Organizing oder für Hilfsangebote. Oft werden diese Strukturen auch gut besucht und genutzt. Aber niemand traut sich zu sagen „das haben wir gut gemacht, das war ein Erfolg“. Und das ist schlecht. Lasst uns aufhören zu vergleichen, wie viele Menschen zu Vortrag XY kamen und wer gefehlt hat, lasst uns stattdessen jede Begegnung, jeden Kontakt und jede organisierte Person als Erfolg werten. Denn das ist es! Jede Person, die sich uns anschließt, ist ein Gewinn unserer Strukturen. Und um den Kitsch zu vervollständigen, die Revolution beginnt mit den Menschen, denen wir auf dem Weg begegnen, die Revolution beginnt mit jede:r Einzelnen von uns. Das zu sehen, zu benennen und auch so zu empfinden, wirkt der Ohnmacht entgegen. Ja, vielleicht erfahren wir Repression, vielleicht ist eine Aktion nicht wirksam gewesen, vielleicht erscheint sie unbedeutend, aber haben wir Menschen überzeugt? Haben wir nur ein gutes Gespräch geführt? Wenn ja, dann hat es sich gelohnt. Denn was die Ohnmacht bekämpft, ist sich gegenseitig zu bemächtigen, sich wachsen zu sehen und miteinander zu stehen.

Gemeinschaft

Manchmal macht es fast schon den Eindruck, es braucht erst Repressionswellen oder Fascho-Angriffe, bis Gruppen sich zusammentun oder auch interne Beziehungen sich festigen. Dabei braucht es Beziehungsarbeit immer und präventiv, nicht erst wenn die Gruppe auf die Probe gestellt wird, und damit die Belastbarkeit jede:r Einzelnen. Denn wir haben gesehen, das Einzige was gegen Belastung, Sinnlosigkeit oder Ohnmacht hilft, ist Kollektivität und Genoss:innenschaftlichkeit. In der Repressionswelle müssen wir nicht nur Kosten, Isolation und Schikanen auffangen – sondern auch uns gegenseitig. Durch Gespräche, durch zusammen weinen und zusammen lachen. Zusätzlich muss auch jede Massenpolitik Kollektivität bieten: wie kann ich einen Menschen überzeugen, mit uns Politik zu machen, in einer Welt, die ihr*ihm nichts bietet und in der auch wir nichts bieten können? Ganz einfach, in dem wir sehen, was wir bieten können, nämlich Kollektivität. Wir können keinen Nicht-Kapitalismus im Kapitalismus aufbauen, aber wir können in einer Wettbewerbsgesellschaft solidarisch sein. Wir können einem Menschen nicht eine Befreiung im System bieten, aber wir können uns anbieten. Also ja, die Welt ist schlecht und das wird sie auch noch eine Weile sein, aber kämpf mit uns gemeinsam und es fühlt sich nicht mehr so scheiße an. Es ist schon ein Trost zu wissen, nicht alleine zu sein, mit den Sorgen aber auch mit dem Bedürfnis ein anderes System zu wollen und dadurch eine Gemeinschaft zu finden. Aber diese Gemeinschaft darf keine linke Szene mehr sein, keine Subkultur, kein Partylocation, kein Studi-Lesekreis, kein Einheitsbrei. Das Kollektiv muss breit aufgestellt sein, um auch in alle Bereiche Politik tragen zu können. Wir müssen erkennen: die oft studentisch geprägten Gruppen, sterben jede Prüfungsphase aus und erwachen nach den Semesterferien von den Toten, um sich wieder im eigenen Kreis zu drehen – peinlicher, aber auch uneffektiver kann Politik nicht gestaltet sein. Lasst uns alle Barrieren fallen lassen, um zugänglich für eine breite linksradikale Bewegung zu sein, in der die Menschen langfristig arbeiten wollen.

Zurückziehen

Menschen werden sich trotz all unserer Bemühungen aus der Politik zurückziehen, obwohl sie an den Idealen festhalten. Momentan ist es oft die Ohnmacht, Familienpläne, berufliche Belastung, Stress, körperliche Fitness oder andere belastende Sorgen. Wir müssen versuchen zu unterstützen, Hilfe stellen, Solidarität erlebbar machen und Menschen auffangen. Aber auch wer sich komplett zurückziehen möchte, dem müssen wir signalisieren, dass auch einer Rückkehr niemals etwas entgegensteht – wir werden dich wieder unterstützen wollen und wir freuen uns über dein Erscheinen. Gefühle wie Scham, Verrat oder Schuldgefühle haben da nichts zu suchen – offene Arme sind geboten und volles Verständnis, denn die Struggle die der Kapitalismus uns aufzwingt, betreffen uns alle und jemand, der austritt ist nicht an ihren*seinen Belastungen Schuld. Stattdessen müssen wir uns fragen, warum wir die Probleme nicht auffangen konnten. Ein Austritt ist nicht das Versagen de:r Einzelnen, de:r es zu viel wurde, sondern ein klares Feedback an die Gruppe: wir müssen uns stärken, wir müssen unsere Angebote den Umständen anpassen und allen ermöglichen zu bleiben. Die Devise muss heißen: Kommst du zurück, stehen wir wieder zusammen, als wärst du nie weggewesen.

Fazit

Gut arbeiten heißt langfristig arbeiten, und um langfristig zu arbeiten, braucht es Überzeugung, Hoffnung, Kollektivität und Chancen. Wir müssen Theorie-Wissen vermitteln, Hoffnung schüren, Support bieten und Erfolge feiern. Wir müssen aber auch Niederlagen verkraften, persönliche Belastungen besprechen und uns großen Fragen stellen. Lasst uns erkennen: wenn wir nichts haben, aber alles wollen, lasst uns beginnen, uns zu haben, als Genoss:innen, als Kollektiv.