In der Antifa nix Neues – Die Geschichte des deutschen Antifaschismus (und was man daraus lernen könnte)

Antifaschistischer Widerstand hat trotz des deutschen Nationalsozialismus eine lange Geschichte in Deutschland. Gerade Kommunist:innen kämpften unerbittlich gegen reaktionäre und faschistische Bestrebungen und prägten dabei bis heute die Kultur und Aktionen „der Antifa“. Immer wieder standen sie vor Herausforderungen und Widersprüchen, immer wieder wiederholten sich aber auch Grundprobleme, wobei eine historische Analyse auch heutigen Aktivist:innen helfen könnte, Klarheit und Strategie zu erlangen. Lasst uns also aus der Vergangenheit lernen, und Schlüsse daraus ziehen.

Ab 1914: Es beginnt mit dem Verrat der SPD

Die anfängliche Kriegseuphorie in Deutschland beginnt zu kippen, da gerade die Arbeiter:innenpartei der damaligen Zeit (SPD) immer wieder für große Enttäuschungen in der Arbeiter:innenklasse führt. Ihre Anti-Kriegspolitik mit großen Demonstrationen und Widerstand gegen den ersten Weltkrieg wandelt sich, zum Erschrecken der Linken, in eine befürwortende Kriegspolitik. So stimmt die SPD 1914 mit 96:14 Stimmen für Kriegskredite und damit für den Krieg. Zusätzlich verzichtet die Partei auf Lohnforderungen und unterstützt mit staatlicher Zusammenarbeit Streikmaßnahmen, die noch mehr die Rechte der Arbeiter:innen beschneiden sollen. In die Geschichtsbücher geht diese Zeit des Verrats als Burgfriedenspolitik ein – es ist aber zugleich der Beginn des reaktionären Wachstums gegen eine deutsche Revolution. Der Linke Flügel innerhalb der SPD ist schockiert über die reaktionäre Verbrüderung und Verratspolitik, sodass er sich 1917 abspaltet. Daraufhin gibt es zwei SPD‘n: die Mehrheits-SPD (MSPD) und die unabhängige SPD (USPD) – letztere beinhaltet Revolutionär:innen, wie etwa der marxistisch-sozialistische Spartakusbund, eine Gruppe rund um die bekannten Held:innen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Zeitgleich beginnt in Russland die Revolution, was auch einen Aufschwung der streikenden und revolutionären Bestrebungen in Deutschland bedeutet. Zusätzlich lässt sich dies auch auf große Unzufriedenheit und Not in der Bevölkerung zurückführen. Nichtsdestotrotz bleibt ein revolutionärer Umschwung aus und in der voranschreitenden Niederlage des deutschen Heeres, wird schließlich durch die „Dolchstoßlegende“ der Versuch gestartet, auch gegen die SPD Stimmung zu erheben. Trotz der Inszenierung, die SPD hätte das deutsche Heer verraten und wäre schuld an den Niederlagen, erleben die beiden SPD einen Aufschwung: Nach einem geplanten Angriff auf die britische Flotte erhebt sich ein Matrosenaufstand, der in eine Streikwelle mündet. Infolgedessen flieht der Kaiser und die SPD’n erlangen wieder an größerer Bedeutung. Es gelingt lokale Räterepubliken auszurufen und der Wunsch nach einer deutschen Republik (MSPD) oder Räterepublik (USPD) wächst. Einerseits gründet sich 1918 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) aus unteranderem dem Spartakusbund, dennoch werden Streiks durch Freikorps immer weiter niedergeschlagen und auch das Streben der MSPD nach einer verfassungsgebenden Nationalversammlung bremst die Revolution maßgeblich aus. 1919 kommt es zur Nationalversammlung, nachdem beim „Spartakusaufstand“ 165 Revolutionär:innen kaltblütig durch die Kräfte der MSPD ermordet wurden. Darunter fielen auch die Vorreiter:innen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – das bedeutete den endgültigen Bruch zwischen Sozialdemokratie und Revolutionär:innen. Während die MSPD mit Blick auf Russland eine Gefahr durch Linke wittert (anstatt durch Rechte) ermorden sie die fortschrittlichsten Köpfe des deutschen Revolutionsversuchs. Zwar kommt es zur Nationalversammlung und sie verabschiedet mit Mehrheit die Weimarer Verfassung, jedoch ist diese geschrieben im Blut der Revolutionär:innen und Tränen einer verratenen Klasse, die weiterhin auf den Straßen um Freiheit kämpft. Arbeiter:innen-Organisationen und auch die Münchner Räterepublik werden weiter zerschlagen, dabei gelingt der Hieb durch die von der Regierung aufgebauten und gesteuerten Freikorps, welche auch die Taktiken für SS und SA vordachten.

Ab 1920: Das Aufkommen des deutschen Faschismus

Die rechten Kräfte erlangen immer mehr Macht und Strebungen, wie etwa der Kapp-Lüttwitz-Putsch können einerseits durch Glück, andererseits aber auch durch das Ausbrechen des größten Generalstreiks der deutschen Geschichte abgewendet werden. Der Streik endet allerdings in der Zerschlagung der Roten Ruhrarmee, welche den Putschisten entgegenstand. Es beginnt eine Zeit der rechtsextremen Attentate wie beispielsweise der Ermordung linker oder jüdischer Politiker (z.B. Unterzeichner des Vertrags von Rapallo, welcher die Sowjetrepublik anerkannte). Die Formierung des Faschismus in Italien lässt zudem deutsche Rechte nach vorne schauen, sie werden siegen und der Antifaschismus, welcher hier erstmalig ein Begriff wird, wird versagen. Entscheidend ist dabei das Schicksalsjahr 1923 in dem belgische und französische Truppen aufgrund von Reparationslieferrückständen das Ruhrgebiet besetzen. Als ein Rechter, der dieser Besetzung entgegenstand, erschossen wird, beginnt um diesen Albert Leo Schlageter ein Märtyrer-Kult, der auch vor der KPD keinen Halt macht. Diese muss sich dringlichst zum Faschismus positionieren und kämpft mit diversen Sichtweisen. Berühmt wurde eine Rede von Karl Radek, in dem er nationalistische Parolen bedient und Schlageter als Helden instrumentalisieren möchte. Dennoch gibt es auch klar fortschrittliche Analysen, wie etwa Clara Zetkins Beurteilung, der Faschismus sei „keineswegs die Rache der Bourgeoisie dafür, dass das Proletariat sich kämpfend erhob. Historisch objektiv betrachtet, kommt der Faschismus vielmehr als Strafe, weil das Proletariat nicht die Revolution, die in Russland eingeleitet worden ist, weitergeführt und weitergetrieben hat“. Im selben Jahr ruft die KPD auch den Antifaschisten-Tag aus (29. Juli 1923) aus, um gegen Rechts zu mobilisieren. Aus der breiten Arbeiter:innenklasse wollen sie eine Kraft gegen Faschismus und Kapitalismus erzeugen. Die Faschist:innen formieren sich weiter und auch die weiteren Analysen der KPD wie etwa Hermann Remmeles Rede, der Faschismus sei „das Instrument der Bourgeoisie gegen das revolutionäre Proletariat“ oder Stalins Ergänzung „Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus […] es sind Zwillingsbrüder“ können dem rechten Aufschwung nicht entgegen wirken.Tatsächlich wird Stalins Sozialfaschismusthese den tiefgreifenden Keil zwischen SPD und KPD betonen. So verhindert es weiterhin eine Einheitsfront zwischen den Arbeiter:innenparteien, infolge dessen sich ein stark reaktionär-konservativer Trend in den Reichtagswahlen (34% für rechtsbürgerliche Parteien) zeigt und auch im neuen Reichspräsidenten (Paul von Hindenburg) wiederspiegelt. Aber auch linke Philosophie und Theorie entwickelt sich weiter. Beispielsweise die aus dieser Zeit stammende Faschismustheorie von Georgi Dimitroff hält sich bis heute und klärt: bürgerliche Demokratie kann in Faschismus umschwingen, es sind zwei Varianten des Kapitalismus, er ist das Fundament. Parallel gibt es noch anhaltenden Widerstand, wie etwa der paramilitärische Schutz der KPD „Rotfrontkämpferbund“ oder anarchistische Widerständler:innen („Schwarze Scharen“). Sie erleben große Niederlagen, der Rotfrontkämpferbund wird nach dem „Blutmai“, wo er angegriffen wurde, verboten. Auch der „Kampfbund gegen den Faschismus“ rund um Ernst Thälmann steht den wachsenden Stimmen der NSDAP und dem rechten Straßenterror von  SA, SS, Stahlhelme und Organisation Consul vehement entgegen. Dennoch ist es eine Organisation der SPD, das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, das in dieser Zeit die größte politische Massenorganisation der Weimarer Republik stellt und sich durch freie Gewerkschaften und Sportverbände aber strikt ohne die KPD aufstellt. Nach weiteren Gewaltausschreitungen ruft die KPD am 25. Mai 1932 die „Antifaschistische Aktion“ aus – bis heute namengebend für antifaschistische Politik. Sie fordern einen roten Massenselbstschutz und eine Einheitsfront, in der auch der Kampf gegen den Kapitalismus gelingen soll. Während die SPD die Mitarbeit verbietet, können wir trotz des kommenden deutschen Faschismus Erfolge der Antifaschistischen Aktion benennen. So erlangte sie eine große Streikwelle und senkte die NSDAP-Stimmen in geringem Maß. Dass es dennoch zum Faschismus kam, hat viele Ursachen: Man könnte sich streiten, ob die faschistische Struktur nach dem Preußenschlag schon zu weit vorangeschritten war oder die Feindschaft und Gegensätze der Arbeiter:innen-Parteien den Sieg des Widerstands verhinderten. Nichts desto trotz war es auch die mangelnde Erfahrung und die Differenzen in der Bewegung von Arbeiter:innen, die eventuell verantwortlich waren, dass der Antifaschismus scheiterte.

Ab 1933: Zeit des Nationalsozialismus

Nachdem die NSDAP eine Diktatur unter dem Reichskanzler Adolf Hitler errichtete und mit Reichstagsbrandverordnung, Ermächtigungsgesetz und Einparteienstaat das dunkelste Kapitel des deutschen Antifaschismus einläutete, sollte sich auch ein weiterer Schrecken des Faschismus zeigen: Sein Expansionscharakter. Während Ernst Thälmann noch warnte „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“, kam es auch schon zum zweiten Weltkrieg. Neben wenigen möglichen Widerstandsformen (darunter die Weiße Rose, Rote Kapelle, Edelweißpiraten, Kreisauer Kreis, Georg Elser, Schwarze Scharen und Swing-Jugend), bedeutete es die Zeit von massenhafter Ermordung von Kommunist:innen und andere Widerständler:innen oder das Leben im Untergrund, Exil oder Gefängnis.

Nach 1945: Zwei Deutschlands, zwei Antifaschismen

Nach der Kapitulation des Nazi-deutschen Reichs und der Teilung Deutschlands (BRD/DDR) einte linke Kräfte zwar die Niederlage und Faschismuserfahrung, die neuen Herausforderungen wir Aufarbeitungsarbeit der Gräueltaten, Empathie mit den Opfern, und das Fortleben von Antisemitismus und Rassismus in einer Gesellschaft geprägt vom Opfermythos, jedoch zeigten sich auch klare Unterschiede von antifaschistischer Arbeit abhängig von Ost- oder West-Deutschland.

  • BRD

In Westdeutschland erlebten Linke erst einen vermeintlichen Antifaschismus durch das Grundgesetz und die Ewigkeitsklausel, jedoch entpuppte sich schnell die antitotalitäre Politik in Zuge des Kalten Krieges gegen die UdSSR mit reaktionären Bestrebungen in Westdeutschland wie etwa das Verbot der KPD (1956), der Einführung des Verfassungsschutz, das Landesverratsgesetz und einer nicht stattfindenden und stark mangelhaften Entnazifizierung mit stattdessen klarer antikommunistischen Stimmung. Für den Widerstand bedeutete das, auch in diesem System nicht auf den Staat vertrauen zu dürfen.

  • DDR

Auch in der DDR gelang die Entnazifizierung nicht, sie wurde allerdings ernster versucht. Gerade auch weil Antifaschismus das größte politische Ideal in der DDR darstellte und als Abgrenzungsinstrument zum Westen galt, sowie Innen- und Außenpolitik prägte. Dennoch stand in der DDR fest: für antifaschistische Bewegungen außerhalb der SED und FDJ gibt es weder Daseinsberechtigung noch Duldung, sie wurden massiv unterwandert und zerstört.

Verschiedene Ansätze

Im Nachkriegs-Deutschland gab es verschiedene antifaschistische Ansätze, die zeitgleich existierten und in das Zeitalter der berüchtigten Autonomen Gruppen einführten. Diese Vorläufer werden auch gerne als traditionelle Antifaschist:innen bezeichnet, die institutionalisiert, proletarisch oder vom Faschismus direkt betroffen arbeiteten.

  • VVN(-BdA)

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) gründete sich aus Überlebenden des Holocaust, darunter vielen Jüd:innen, Kommunist:innen aber auch andere Widerständler:innen. Mit dem Schwur von Buchenwalt („Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht. Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig. – Wir schwören.“) fordern sie bis heute das Ende des (Neo-)Nazismus. Trotz vieler Kriminalisierungskampagnen waren sie es, die maßgeblich Gedenkkultur und Gedenkstätten, Entschädigungszahlungen und Geschichtsvermittlung voranbrachten. Weitere Meilensteine waren der Protest gegen den Zyklon B Hersteller „I.G. Farben“ und die Kampagne „noNPD“. Sie ergänzten ihren Namen um „Bund der Antifaschist:innen“ (BdD) zur Repräsentation neuer Mitglieder, dennoch verloren sie an Bedeutung durch autonome Bewegungen und gelten heute als verfassungsfreundliche, ältere Widerstandbewegung, die eine unersetzliche Expertise in Geschichtsaufarbeitung stellt.   

  • KPD und DKP

Die KPD wurde 1956 verboten, konnte aber illegal im Untergrund weiterbestehen und es gelang eine Art Nachfolger-Partei (DKP) ins Leben zu rufen, die bis heute besteht, allerdings wenige Erfolge zu verzeichnen hat. Sie sind streng marxistisch-leninistisch und berufen sich auf die Notwenigkeit einer kommunistischen Partei.

  • K-Gruppen

Die K-Gruppen waren oftmals junge Gruppen, die sich ab 1968 aus der Auflösung des SDS bildeten. Sie einte der oft maoistische Ansatz einer revolutionären Realpolitik, die klar antifaschistisch, antiimperialistisch und antikapitalistisch sein sollte. Gegen Staatsvertrauen und gewaltoffen waren sie einzeln aber auch in Bündnissen aktiv. Nach der Erschießung Benno Ohnesorgs, ein Student auf einer Demo 1970, lösten sich Massenproteste aus, die in einer Präfaschismustheorie mündeten. Diese Faschisierungsthese vertraten die K-Gruppen, welche bedeutete, dass ein neuer Faschismus bevorstünde. Diese Schlussfolgerung verursachte den Verlust von Anschlussfähigkeit und eine Isolation aus gesamtgesellschaftlichen Kontexten. Die K-Gruppen hatten damit oftmals wenig Probleme, da ihr Ziel keine Politik für eine breite Gesellschaft, sondern für den Sozialismus war. Die K-Gruppen zerbrachen schließlich an internen Differenzen, wie Antisemitismus, Streit um Strukturen und Organisation aber auch an politischen Positionierungen: Die Wiedervereinigung stellte für einige einen späten Sieg des Nazi-deutschen Reichs dar (Gründung der „Antideutschen“) während andere es als den richtigen Schritt interpretierten.

Die Autonomen

In Italien formierten sich Autonome ab 1960 in einer proletarischen Organisation, während in Deutschland die autonomen Gruppen fern der Arbeiter:innen-Bewegung waren. Ab 1970 entwickelten Autonome sich aus unterschiedlichen Gruppen, wie etwa der K-Gruppen aber auch aus der Sponti-Bewegung, die oftmals theorie-avers, antiautoritär und spontan arbeitete und damit den K-Gruppen nicht nur im Verhalten aber auch in Aktionsformen (Hausbesetzungen) widersprach. Letztlich kamen auch Autonome aus dem Bereich neuer sozialer Bewegungen – darunter fallen Gebiete, die wir auch heute sehen, wie Bewegungen zu Anti-Atomkraft, Frieden, Umweltthemen, Jugendzentren, Feminismus und Rechte für Schwule und Lesben. Zunächst setzen die Autonomen klar an dem spontanen Erbe der Sponti-Bewegung an und betrieben maßgeblich Fahndungsantifaschismus. Sie waren es, die Einzeltäterthesen und Amoklauf-Verharmlosungen eine erfolgreiche Recherchearbeit entgegensetzen und damit rechte Strukturen und Anschläge entlarvten. Aber auch viele Rückschläge hatte diese Bewegung zu verkraften: immer wieder kam es zu Toten auf Demonstrationen. Darunter Olaf Ritzmann (1983), was die Gründung des Norddeutschen Antifa-treffen hervorbrachte. Im Oktober desselben Jahres, beim NPD-Bundesparteitag in Fallingbostel, erschienen die Autonomen vielen erstmals. Dort wollten sie nicht 30km entfernt mit DGB und VVN protestieren, sondern Blockaden errichten. Infolgedessen kam es zu Kriminalisierungskampagnen, Verfassungsschutzbeobachtung, starke Vernetzungen aber auch einem Bruck mit dem Kommunistischen Bund. 1985 fordern Repressionen erneut einen toten Demonstranten, Günter Sares, es folgen starke Solidarität und Ausschreitungen in Deutschland, aber auch dem Ausland. Doch der größte Aufschrei autonomer Politik sollte am 2. November 1987 folgen: Bei einem Umweltprotest zum Flughafen Startbahn-West erschossen Autonome zwei Polizisten. Es folgte eine Repressions- und Spaltungswelle, Isolation und Zerfall von Strukturen. Die berühmte Gewaltfrage war allgegenwertig. 

Nach dem Mauerfall und dem „kurzen Jahr der Anarchie“ in Ostdeutschland, folgten harte 90er Jahre des rechten Terrors, die Baseballschlägerjahre. Nach dem mäßigen Erfolg des „Nie wieder Deutschland“ Bündnis 1989, kristallisierte sich dennoch ein Ausblick antifaschistischer Politik. Um von Isolation und Unbedeutsamkeit zu entkommen, sollten neben vermehrter Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, Bündnisarbeit der Weg der Antifa werden. Bekannteste Strukturen waren ab 1992 die Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) und das Bundesweite Antifa Treffen (BAT). Auch diese zerlegten sich an Streitigkeiten über Hierarchien, Öffentlichkeitsumgang und den Ost-Umgang. Die parallele Zuspitzung rechter Gewalt mündete in Festival-artigen Anschlägen und Terrorattacken. Genannt und gedacht sei hier den Opfer der Pogrome von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen. Neben den randalierenden Nazis, war aber auch die Regierung rechtsgestimmt und „schütze“ die Asylbewerbenden, welche Ziel rechter Anschläge waren, durch ein strengeres Asylrecht. Wir können hier von einer Täter-Opfer-Umkehr sprechen.

Spaltungen und Postautonomie

Antifaschistische Gruppen erlebten auch inhaltliche Spezialisierungen, so waren es migrantisch geprägte Gruppen, die sich explizit mit Rassismus auseinandersetzten (Antifaşist Gençlik) oder Fantifa-Gruppen, die feministische Theorie und Arbeit voranbrachten. In einer Zeit in der sich Antifaschismus als Jugendgegenkultur etablierte und gleich einer Marke oder Partylocation verkauft wurde, machten sich auch individualistische Politik Ansätze breit, die sich in den 2020er zuspitzen werden. Zu beginn der 2000er Jahre kam es allerdings zunächst zur Gründung von bürgerlichen, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Ansätzen – das NPD-Verbotsverfahren scheiterte trotzdem Dank des Verfassungsschutzes.

  • Antideutsche

Die linksradikalen Gruppen zerstritten sich zudem über Theorie: Antideutsche und Antiimperialist:innen standen sich entgegen. Während Antideutsche wie bereits geschildert gegen die Widervereinigung standen, war es auch der Nahostkonflikt, der sie abgrenzte. Sie stehen bis heute in großer Solidarität zu Israel als Schutz von Jüd:innen. Dabei positionieren sie sich auch Islam-kritisch und Luxus-positiv. Sie empfangen Rassismus-Vorwürfe und verloren auch Anhänger:innen an das rechte Milieu. Dennoch verzeichnen sie auch viele Analysen und können oftmals anknüpfend an Horkheimer, der Frankfurter Schule und Adorno Faschismustheorien spezialisieren.

  • Antiimperialist:innen

Antiimerialist:innen stehen oft strikt entgegen dem amerikanischen Imperialismus und dem Staat Israel in proletarischer Solidarität mit den palästinensischen Gebieten – darauf folgen oft Vorwürfe von Antisemitismus, die sich in Zeiten des Jugendwiderstands (ehemalige Berliner Gruppe) zuspitzten und bestätigten. Antiimperialist:innen wird oftmals nachgesagt Befreiungskämpfe zu schnell zu befürworten ohne Nationalismus zu reflektieren und zu starr an der Faschismustheorie von Dimitroff nachzuhängen.

Heute

Immer mehr wurde den Autonomen bewusst, dass ihre Politik sie in Isolierung treibt, weswegen eine Erweiterung der Themenfelder, mehr Bündnispolitik gefordert wurde. In Bündnissen wie der Interventionistischen Linken (IL) oder Ums Ganze! zeigen sich beispielsweise postautonome teils marxistische Ansätze. Parallel gibt es auch rein kommunistische Ansätze, die im Erbe des Marxismus-Leninismus an kommunistischen Parteien arbeiten und noch stärker bundesorganisiert vorgehen als diese Bündnisse. Auch lokalere Antifa-Bündnisse bestehen über Landesgrenzen bis heute, sowie städtespezifische Bündnisse, die kampagnenbasiert oder themenübergreifend arbeiten.

Der Widerspruch zwischen Antideutschen und Antiimperialist:innen scheint sehr langsam aber stetig an Bedeutung zu verlieren, Widersprüche zwischen kommunistischen und anarchistischen Gruppen bestehen weiterhin und hinzu kommt ein Konflikt zwischen Gruppen, die identitätspolitisch oder klassenpolitisch arbeiten. Gemeint sind Gruppen, die sich beispielsweise auf eine gemeinsame Identität berufen (BIPOC-Gruppen, queerfeministische Ansätze) und Gruppen, die den Klassenkampf vorantreiben wollen und Unterdrückung nicht auf reine Identität (race, Geschlecht, Sexualität) zurückführen, sondern auf kapitalistische Ausbeutung, die sich in Form von Überausbeutung (nach Klassenzugehörigkeit und race/Geschlecht) zuspitzt. Was nach einer Detailfrage oder Henne-Ei-Problematik klingt, ist ein deutlicher Unterschied in Theorie wie Praxis: Ob sich Diskriminierungserfahrungen addieren lassen und anhand von Privilegien mit einer oftmals Herauskürzung von Antikapitalismus abwägen lassen (Identitätspolitik) oder ob eine kapitalistische Ausbeutung in Überausbeutung von marginalisierten Gruppen mündet und nur das Ende des Kapitalismus für Befreiung sorgen kann (Klassenpolitik), bedeutet massive Widersprüche im Kampf um Emanzipation. Bleiben wir gespannt, wie sich dieser Widerspruch entladen wird und ob er den Tod der radikalen Linken endgültig manifestieren wird.

Fazit

Wir sahen die Grundprobleme, die sich historisch wiederholten: Die Gewaltfrage, gebündelt mit der Gefahr von Isolation, die Befreiungsansätze aus dieser durch breitere Bündnisarbeit, die wiederum oftmals in Brüchen und Verrat mündeten, durch beispielsweise bürgerliche Parteien. Neben diesen strategischen Wandlungen, sind aber auch taktische Veränderungen zu erkennen: während viele Autonome in Anonymität und Unkenntlichkeit arbeiten, und dies teilweise bis heute tun, kommt es gerade in kommunistisch angehauchten Antifa-Bewegungen zum Versuch von Öffentlichkeitsarbeit, in der Massenpolitik und Positionsbekennung auch mit Gesicht- oder gar Struktur-Bekennung einhergeht. Dieser Text soll diese verschiedenen Ansätze nicht wertend beleuchten, aber auffordern zu überlegen: was können wir lernen, was können wir aus der Geschichte schließen, welche Fehler müssen wir nicht unbedingt wiederholen. Denn wenn wir uns etwas nicht leisten können, dann sind das Fehler. In Zeiten von Reichsbürgern im Untergrund, hohen AfD-Stimmen, verschwindenden Waffen bei der Bundeswehr und Nazi-Strukturen in Staat und Polizei ist keine Zeit für falsche Ansätze. Dennoch scheint die antifaschistische Bewegung schwächer denn je: der Isolation und Ohnmacht scheint keine Strategie entgegenzuwirken, das gesamtgesellschaftliche Klima zeigt sich unbeeindruckt und oft drehen sich Aktivist:innen in immer gleichen Bahnen. Der Begriff Aktivist:innen ist dabei eine bewusst gewählte Beleidigung: wir leben fern ab von einer Zeit des roten Massenselbstschutzes, fern von proletarischen Massenstreiks, Widerständler:innen und Kommunist:innen – stattdessen in einer Zeit des Aktionismus, der kurzlebigen Kampagnen und Ausweglosigkeit. Lasst uns damit brechen, lasst uns weiter analysieren aber auch schlussfolgern: wir müssen weg von der Antifaschistischen Aktion wie sie momentan besteht, hin zu dem, wofür sie mal stand.

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