Bridgerton und der falsche Frieden mit bürgerlichem Feminismus
Die US-amerikanische Netflix-Serie „Bridgerton“ versucht die Darstellung einer Ballsaison im frühen 19. Jahrhundert. Das vermeintliche Historiendrama ist in erster Linie ein Drama: Unter keinem Gesichtspunkt für historische Richtigkeit versuchen dort junge Frauen der gehobenen Schicht ihre Ehepartner zu finden. In Staffel 1 wird dabei die Hauptcharakterin Daphne Bridgerton mit dem Grafen verheiratet, während in Staffel 2 ihr älterer Bruder Anthony eine ehrwürdige Ehepartnerin sucht. Neben einer historischen Richtigkeit muss aber auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Klassenverhältnissen dem Kitsch und der Romantisierung weichen. Dennoch soll der Versuch gestartet werden, eine marxistische Perspektive auf diese popkulturelle Darstellung der britischen Royalität des 19. Jahrhunderts zu formulieren – zu klären ist, welche Rollen falsch besetzt wurden.
Die Rolle der Ehe
Die Serie stellt sehr schnell klar, welche Rolle der Ehe in der damaligen Zeit zufällt: Daphne Bridgerton, wie auch fast alle anderen Frauen, sehen ihren Sinn und ihre Erfüllung in der Ehe und dem Gründen einer Familie. Eine Frau muss möglichst jung vermalt werden, um ihre Zukunft -finanziell- zu sichern. Dabei wird besonders der Status der jeweiligen möglichen Ehegatten thematisiert. Ziel ist es, eine möglichst gute Partie und hohe Mitgift zu bewirken, um Status und Reichtum einzuheiraten. In der Familie Bridgerton vertreten die Frauen allerdings das Ideal einer Liebesheirat: neben dem Blick auf finanzielle Absicherung, erhofft sich Daphne Gefühle für einen Partner zu haben. Auch dieses Ziel der Liebesheirat steht bei ihr allerdings im Schatten des Wunsches nach Kindern. Neben Daphnes vermeintlich fortschrittlichen Ansichten, neben finanzieller Notwendigkeit auch aus Liebe heiraten zu wollen, tritt ihre kleine Schwester Eloise immer wieder durch radikale Ansichten in den Fokus. Eloise möchte nicht heiraten und stattdessen Zutritt zu Bildung erhalten. Sie möchte mit dem Frauenbild brechen und fühlt sich zu mehr berufen.
Die Rolle der Klasse
Die Serie schafft es komplett die Augen vor Klassenwidersprüchen zu verschließen. Der komplette Fokus liegt auf royalen und reichen Familien, während die Angestellten als gnädige und glückliche Helfer:innen inszeniert werden. Hinzu kommen Ausflüge der Bourgeoisen in urbanere und ärmere Viertel, in denen zwar Leid und Hunger herrschen, die Arbeiter:innen aber als freiere und auch sexuell-befreitere Bevölkerung dargestellt werden. Die finanziellen Abgaben, der Essensmangel und die Unterdrückung werden keiner Szene gewürdigt. Die Serie nimmt sich hoffentlich selbst nicht mehr ernst, als die Gräfin aus Tierliebe kein Schwein zur Schlachtung ernennen will und damit für weiteren Hunger sorgt. Dieser Fehler lässt sich natürlich beheben. Es entsteht ein Frieden, ein leichtes Gefühl beim Zuschauen: die Armut ist selbstverständlich und kein Grund etwa einen Aufstand anzufangen; ein Gefühl der Lockerheit. Die Absurdität spitzt sich zu, als der proletarische Boxer, welcher Probleme hat seine Familie zu ernähren, zeitgleich der beste Freund des Grafens ist und ihn trainiert – wie schön, dass diese Freundschaft frei von Klassenverhältnissen in voller Harmonie gelingen kann.
Die Rolle von Rassismus
Für die Zusehenden bietet die Serie noch mehr Frieden und Lockerheit in Bezug auf Rassismus. So sind die Schauspielende divers besetzt. Dass die Auswahl auch unabhängig des Ranges der Rolle (Graf, Königin) geschieht, erscheint zunächst sehr fortschrittlich, angesichts der Tatsache, dass so Rassismus bei der Schauspielenden-Auswahl vermeintlich minimiert wurde. Auch in dem fiktiven Universum der Serie ist klar, dass es keine Unterschiede zwischen den Menschen geben soll. Peinlich wird es dann bereits in Staffel 1: in einem Nebensatz wird erwähnt, dass seit der Heirat des Königs mit einer schwarzen Frau, der Rassismus und die Unterdrückung von Schwarzen ein Ende hatte, dass sie jetzt alles sein dürften. Was hier vermittelt wird, ist eine heile Welt, ein absurder Friede, eine Abwesenheit der Unterdrückungsverhältnisse durch Liebe. Nichts ist scheinheiliger und beruhigender zu schauen als diese Serie: nach rassistischen Morden und Anschlägen, nach den Protesten von Black-lifes-matter, dann eine Serie, in der Schwarze nicht Sklaven sind, nicht unterdrückt, sondern Königin und Graf, alle vereint durch Liebe. Die Produktion setzte hier ganz klar auf Repräsentation anstatt auf ehrlichen Antirassismus. Anstatt die Unterdrückung und Überausbeutung von Menschen zu thematisieren, wird sie weiter unsichtbar gemacht und durch Diversitätspolitik verharmlost.
Die historische Richtigkeit
Die falsche historische Darstellung von Einstellungen, Klamotten, Sprache und Politik der Serie verdienen keine weitere Erwähnung und sind bereits ausführlichst in Kritiken thematisiert worden. Stattdessen soll ein Fazit zu einer richtigen Darstellung in der Serie beschrieben werden: der Darstellung von bürgerlichen Frauenbewegungen. Was der Serie wahrhaft gelingt, ist aufzuzeigen, wie bourgeoiser Feminismus aussieht, wie es aussieht, wenn liberaler Feminismus sich von Klassenverhältnis, von marxistischem Antirassismus und emanzipatorischen Ansätzen verschließt. Wenn Feminismus bedeutet aus Liebe zu heiraten, statt mit den Konstrukten zu brechen. Wenn Feminismus bedeutet als reiche Frau Bücher lesen zu wollen, anstatt sich mit der Klasse zu verschwestern. Nichts gelingt der Serie so gut, wie aufzuzeigen, wie peinlich, wie leer und wie rückschrittlich eine vermeintliche Frauenbewegung ist, die sich nur den Zugang Weniger zu Bildung erhofft. Hier bedient die Serie eine historische Richtigkeit: im 19. Jahrhundert begann die Entwicklung und Spaltung zwischen proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung. Während der Proletarischen in dieser Serie leider keine Bühne geboten wird, können wir nur die bourgeoisen Ansichten betrachten. An dieser Stelle sei daher die andere Perspektive ergänzt: Arbeiter:innen in England aber auch Deutschland formierten sich, sie kämpften um Mutter- und Arbeitsschutz, um Arbeitszeitverkürzung, Lohnverbesserung, Frauenwahlrecht und rechtliche Gleichstellung – sie wollten die Freiheit der Arbeiter:innen, statt nur der Frauen des Bürgertums. Clara Zetkin erkannte dabei: in der doppelt ausgebeuteten Rolle kann es keine Freiheit der Frau geben. Ihre Befreiung ist ein Bruch der Verhältnisse, ein Aufheben der Klassen, ein Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Nur so kann es eine Befreiung der Frau geben, nur so einen ehrlichen emanzipatorischen Ansatz – nicht durch bürgerliche Frauenbewegungen, nicht durch Romantisierung der Bourgeoisie.
Das Fazit zu Bridgerton muss sein: Keine Lockerheit und keinen Frieden mit den Umständen! Im echten Leben gibt es keine Leichtigkeit, keine Ausbeutungspause, kein Ende von Unterdrückung durch Liebe. Im echten Leben gibt es nur einen Kampf, und zwar den gegen diese Klasse.
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In lieben Gedanken bei meiner Genossin, die krank im Bett liegt und auf die dritte Staffel wartet, kämpferische Genesung!