[Auszug] Wer über Sexismus innerhalb der Linken redet, darf von Übergriffen nicht schweigen.
Wer über Sexismus innerhalb der Linken redet, darf von Übergriffen nicht schweigen. Ich habe sie erlebt, Genoss:innen haben sie erlebt.
Im Diskurs nach „Monis Rache“ drehte ein Teil der Linken am Rad. Kurzer Recap: Bei dem als links geltenden Musikfestival Monis Rache wurden heimlich Videoaufnahmen auf den Toiletten angefertigt. Videos mit nackten weiblichen Körpern wurden daraufhin auf einer bekannten Porno-Website veröffentlicht. Der Täter war Teil der Organisation des Festivals, ein links-politisch aktiver Mensch. Der Schock saß tief, die Verwunderung machte sich aber nur bei einem Teil breit: bei Männern. Menschen anderen Geschlechts mit denen ich ins Gespräch kam, waren zwar erschüttert, aber wirklich verwundert war niemand. Übergriffe, Täterstrukturen und Sexualisierung? Das gehörte auch für sie in „linken Freiräumen“ zum bitteren Alltag. Klar, Toilettenvideos waren definitiv eine neue Form des Übergriffs, dennoch kein Einzelfall. Das ist was Genossen aus Monis Rache lernen müssen: Ja, wir lügen nicht. Übergriffe passieren, sie passieren in Haufen, sie passieren geplant, sie passieren gewollt – von den Tätern. Während sich Teile der linken darüber zerstreiten, ob es nun Täter oder gewaltausübende Person oder Täter:innen heißt, möchte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren: Wir haben nicht nur betroffene Menschen in unseren Reihen, wir haben auch Täter unter uns. Wir haben nicht nur ein Problem mit geschlechterbasierter Gewalt, sie passiert auch bei uns und auf unseren Veranstaltungen. Ich sagte es schon ein, zwei Mal und werde nicht aufhören: es gibt keine Safespaces, es gibt keine Saferspaces.
Ich habe Täter kennen gelernt, ich war Opfer ihrer Taten, ich habe Vergewaltiger in meinen Gruppen gehabt, ich habe Betroffenen gesehen. Ich habe Täterschutz betrieben, ich habe Täterschutz geduldet. Ich habe aufwachen müssen, erkennen müssen, dass ich nicht sicher bin, dass niemand sicher ist. Dieses Buch ist eine Abrechnung mit Antifa – das ist auch eine Abrechnung mit mir selbst. Ich war, ich bin und ich werde Antifa sein. Mit ihr brechen, heißt mit mir brechen. Als ich in linken Kreisen aktiv wurde, war ich 17 Jahre alt, ich verstand nicht, warum gerade Mitte 20-jährige Genossen mir viel Politik beibringen wollten. Ich verstand nicht, was es hieß, als in einem Nebensatz erwähnt wurde, dass einer dieser Genossen auf einem Camp gerade mit einer 16-Jährigen im Zelt verschwunden ist. Ich verstand nicht, was es bedeutete als derselbe Genosse mich mehrmals gegen meinen Willen festhielt und küsste. Ich verstand im Alter von 22 als ein Mensch mir anvertraute, dass es durch denselben Menschen eine Vergewaltigung gab, was wirklich los war. Ich verstand, dass 5 Jahre lang auch meine Politik einem Menschen Raum und Freiheit gab, sich an anderen Menschen zu vergehen. Und ich verstehe erst heute, was es hieß als der Täter Menschen mit seinem Suizid drohte, wenn ich es publik machen sollte. Ich begreife erst heute, warum andere Betroffene nichts sagten, warum sie sich nicht zusammenschlossen, warum sie mich baten, still zu halten. Sie sagten sie haben Angst. Sie sagten sie haben Angst vor ihm, aber auch Angst, dass niemand ihnen glaubt. Aber alles, was ich dachte, verstanden zu haben, verstand ich erst in einem Telefonat mit dem besten Freund des Täters. Ein Telefonat, in dem mir gesagt wurde, dass meine Vorwürfe nicht stimmen könnten, weil er so etwas nie tun würde, dass das böse Gerüchte seien, dass auch meine Geschichte ein Missverständnis sei. Dieser beste Freund, einer meiner engsten politischen Kontakte seit ich 17 war, der Typ der mir das Patriarchat als antikapitalistischen Kampf näherbrachte, war auch der Typ der einen Vergewaltiger in den Schutz nahm, der mir meine Erfahrungen absprach, der andere Betroffenen die Bestätigung ihrer Angst gab: man wird euch nicht glauben. In diesem Telefonat brach mein Herz mehr als jemals zuvor. Ich würde niemals Genoss:innen anschreien, ich werde es auch niemals tun. Dass ich es in diesem Telefonat tat, war nicht der Bruch dieses Grundsatzes, es war der Bruch einer Genoss:innenschaft. Jahrelange Zusammenarbeit starb in diesem Telefonat. Ich wünsche mir, dass er das liest, ich wünsche mir, dass er liest, wie sehr ich ihn schätzte und wie viel Hass aus dieser Liebe geworden ist. Ich wünsche mir auch, dass der Täter diese Zeilen liest, ich wünsche mir, dass er weiß, dass mir sein Suizid egal wäre, dass ich benenne, was er getan hat, dass er ruhig in Nürnberg verrotten kann. Du nahmst mir Genoss:innen, du nahmst mir Sicherheit, du nahmst mir aber auch den Luxus weiter zu schweigen. Du gabst mir so viele Gründe, diese Politik zu machen und dieses Buch zu schreiben.
Übergriffe – Lösungsansätze?
Man erwartet, dass ich jetzt Zeilen über Awarenessarbeit schreibe, dass ich irgendwelche Konzepte vorstelle. Das kann ich nicht. Ich werde mit Awarenessarbeit in einem anderen Kapitel abrechnen. Gründet ruhig eure Awarenessgruppen, versucht Konzepte zu entwickeln, um Menschen zu bilden, zu sensibilisieren, eure Kurse zu besuchen, eure Mantras zu wiederholen. Stellt eure Saferspace zu Verfügung, baut eure Workshops auf, ich werde es nicht tun. Ich kann in einer Welt der Grenzüberschreitungen keine Menschen umerziehen. Ich kann Menschen nach Konsensabfragen bitten, ich kann sexuelle Aufklärung leisten, ich kann über Übergriffe reden. Ich werde sie aber nie verhindern können, und ihr auch nicht – auch nicht auf den eigenen Veranstaltungen. Aber bringt die Probleme zur Sprache, stellt die Täter zur Rede, helft den Betroffenen. Ich präsentiere keine Lösungen, ich erwähne Ansätze:
Ansätze für Betroffene
Bietet den Betroffenen Unterstützung auf allen Ebenen: helft ihnen Therapieplätze zu finden, wenn sie einen suchen. Stellt mit ihnen die Awarenessangebote auf, wenn sie sich diese wünschen. Gebt ihnen juristische Unterstützung, wenn sie sie benötigen. Baut auch Saferspace, wenn ihr das als sinnvoll erachtet, schafft den Betroffenen wieder einen Raum in euren Strukturen, gebt diesen nicht den Tätern, erobert ihn zurück mit allen Mitteln. Und am wichtigsten: Seid füreinander da, lasst euch nicht auseinandertreiben, schließt euch zusammen, als Betroffene und als Solidarische. Trefft euch regelmäßig, trefft euch privat und in Plena, redet über eure Gefühle, über eure Wünsche, über weitere Schritte. Brecht das Schweigen und brecht notfalls Nasen.
Ansätze für Täterarbeit
Verhelft den Tätern zu Schulungen, Workshops und Bildung jeglicher Art auf den Ebenen von Awareness, Feminismus und Gewalt. Bietet so viel wie möglich und so gut es geht, in der ständigen Absprache mit Betroffenen. Versteht Täter als Teil eurer Politik: Die Aufarbeitung der Tat und von Fehlern, muss kollektiv geschehen, um weitere Taten, egal von wem, zu verhindern. Stellt dem Täter aber auch euch Hilfestellung für Reflektion, Aufarbeitung, und Verbesserung. Nutzt Lesematerial, Feedback-Runden und Kurse. Kommuniziert miteinander, stellt Forderungen oder Ausschlüsse, aber schafft Folgen.
We don’t call the cops?
In Antifa-Kreisen ist der Grundsatz in Stein gemeißelt: Wir rufen nicht die Bullen. Dennoch kommt es vor, dass Betroffene von beispielsweise sexualisierter Gewalt die Polizei rufen oder eine Anzeige machen, eventuell sogar gegen Täter aus den eigenen Reihen. Das klingt nach einem großen Widerspruch mit den Grundsätzen, eine knifflige Lage. Ich möchte an der Stelle klar Stellung beziehen: Ja, wir rufen nicht die Bullen, ja wir kooperieren nicht mit ihnen, aber: Dass sich eine betroffene Person dennoch dazu entschlossen hat, diesen Grundsatz beiseitezulegen, ist kein Verrat, es ist ein Feedback. Unsere Strukturen sind zu schlecht. Dass sich Genoss:innen an Staat und Polizei wenden müssen, bedeutet lediglich, dass wir nicht gut genug arbeiten. Dieses Feedback müssen wir ernst nehmen, und es annehmen: der Fehler liegt nicht bei den Betroffenen, es ist nicht die Einschaltung der Polizei, nein, ihre Notwenigkeit ist das Problem, und das ist nichts anderes als unsere mangelnde Arbeit. Um zu verhindern, dass Genoss:innen die Polizei benötigen oder denken zu benötigen, bedeutet, dass wir dieser Person Alternativen bieten müssen. Es bräuchte keine Untersuchung und Anzeigen, wenn man unserer Arbeit Vertrauen schenken könnte, es bräuchte keine Gerichtsverhandlung, die Täter oftmals schonen und Betroffene retraumatisieren, wenn wir Folgen kommunizieren würden und Gerechtigkeitsprozesse in unseren Reihen anstoßen würden. Wir dürfen den Betroffenen keine Schuld zuschreiben, wir müssen ihr Feedback dankbar annehmen und Lösungen für die Zukunft erarbeiten.
Prozessführung
Lösungsansätze nach Übergriffen in eignen Strukturen sind oftmals Prozessführungen. An dieser Stelle seien Konzepte wie Kollektive Verantwortungsübernahme (community accountability) und Transformative Gerechtigkeit (transformative justice) erwähnt. Diese können einen Prozess ermöglichen, in dem ohne Staat und Polizei, sondern kollektiv im eigenen Bereich erarbeitet werden kann, wie ein Umgang mit Tätern gelingen kann und im Interesse der Betroffenen gehandelt werden kann. Das ist absolute Profi-Arbeit, ich werde mir nicht herausnehmen, zu denken, diese Konzepte richtig erklären zu können oder eine Anleitung für die Anwendung zu stellen. Ich behaupte aber, dass es sinnvoll ist, sich damit präventiv auseinanderzusetzen, anstatt infolge eines Übergriffs sich ein/zwei Bücher zu dem Thema durchzulesen, und zu denken eine Aufarbeitung und gute Arbeit für Betroffene leisten zu können.